Die Energie bleibt im Trichter zurück
MAIN-POST vom 28. Dezember 2002
Von unserem Redaktionsmitglied Tilman Toepfer
würzburg Sie sind reich - an Erfahrung. Nach vielen Jahren im
"Universellen Leben" (UL) haben Michael Hitziger (59) und Otto Wille (54) die
umstrittene Glaubensgemeinschaft verlassen. Im Gespräch mit der MAIN-POST
beschreiben sie, wie das "System UL" funktioniert. Wille hat es auch skizziert -
als einen Trichter, durch den Menschen gepresst werden. Von den Profiteuren des
Systems fordert er: "Ich will meine Energie zurückhaben."
Es ist
nicht das erste Mal, dass sich Menschen zu Wort melden, die sich nach einem
meist langem, schmerzlichem Erkenntnisprozess vom Universellen Leben trennen
konnten. Aber es ist ein Novum, dass zwei Aussteiger mit der Nennung ihres
Namens einverstanden waren: Michael Hitziger und Otto Wille.
Dazu gehört Mut. Denn die Juristen in Diensten des UL sind für ihre Unerbittlichkeit Kritikern gegenüber bekannt. Hitziger und Wille motiviert jedoch, dass sie andere davor bewahren wollen, in dieses System, in diesen Trichter zu geraten.
Das "System UL" ist in sich geschlossen, sagt Otto Wille. Die strenge Hierarchie hält es zusammen. An der Spitze steht das "hohe Geistwesen", die "Botschafterin Gottes", Gabriele Wittek (69). Sie schöpft angeblich aus dem göttlichen Bewusstsein und trifft mit ihren Vertrauten alle wesentlichen Entscheidungen
Bete und arbeite, fordert Wittek. Im Trichter des UL sind bis heute ausreichend Menschen, die das tun. Sie dürfen sich als "Auserwählte Gottes" fühlen, erklärt Michael Hitziger. Von diesen glücklichen oder zumindest glücklich wirkenden Menschen sei immer eine enorme Sogwirkung auf "Gottsucher" ausgegangen; Frauen und Männer, die vieles in Frage stellen, die zweifeln oder verzweifelt sind.
1984 ist Michael Hitziger so ein Gottsucher. Seine Ehe ist gerade geschieden worden, als er durch ein Plakat auf das UL aufmerksam wird. Er besucht zwei Versammlungen und ist auf dem Weg in den Trichter. "Plötzlich hatte ich wieder eine Familie", beschreibt er seine Glücksgefühle von damals.
Auch Otto Wille sucht damals. Er hat zwei Bauernhöfe in Niedersachsen geerbt, will aber unbedingt Arzt werden und studiert in Göttingen Medizin. Dort begegnet er Alfred Schulte, der später zum Sprecher des UL aufsteigt. Im Handumdrehen ist Wille für "das Werk" eingenommen. 1983 bricht er das Studium ab, 1988 verkauft er das Erbe der Vorfahren und folgt dem Ruf nach Unterfranken, wo er fortan den Boden beackert und bepflanzt. Denn "der Herr" hat angeblich verkündet, die Bauernhöfe würden in kommenden schlimmen Zeiten als Versorgungsquellen dienen.
Wie Wille ist auch Michael Hitziger damals überzeugt, dass Christus ihn braucht: als "Verantwortlicher" in Aachen und als Verteiler von Flugblättern, in denen das UL die Amtskirchen attackiert. Ohne Argwohn gibt er seinen Job als Amtmann bei der Landeszentralbank auf und verzichtet so auf die sichere Altersversorgung.
Er glaubt an "Pestilenzen und Hungersnöte", an Kriege, Seuchen und Zerstörung, die Wittek geweissagt hat. Anfang der 90er Jahre werden Rettungsboote für die "große Flut" angeschafft, vor dem Golfkrieg arbeitet er an Notfallplänen für den "Tag X". Außerdem richtet er sein ganzes Leben auf Christus hin aus, weil man ihm einredet: Wer das nicht tut, für den ist die Kugel schon geschmiedet. Heute hat er all das durchschaut und sagt: "Durch Angst erzieht man sich Sklaven."
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"Durch Angst erzieht man sich
Sklaven"
Michael Hitziger über die Endzeit-Offenbarungen im UL
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Auf dem Weg in das System bleibt neben beten und arbeiten kaum Zeit für die Pflege sozialer Kontakte. Alle Bindungen an Partner, an Kinder und Vermögen soll der Christusfreund hinter sich lassen, fordern diejenigen von ihm, die als Repräsentanten des Systems in Erscheinung treten. Denn hinter diesen "Brücken zur Welt" - so der UL-Jargon - "lauert der Wolf, der das Schaf reißen möchte".
Den gleichen Zweck, alle "Energie" der Menschen vollständig auf das UL zu konzentrieren, verfolgt eine "Offenbarung". Sie zwingt die Christusfreunde 1990 "auf die Scholle", wie es heißt. Also nach Würzburg und Hettstadt, in die Spessartgemeinden Michelrieth und Altfeld, wo die Anhänger Witteks in Wohngemeinschaften leben und in "Christusbetrieben" arbeiten.
Hitziger folgt. Zwar fürchtet er, er könne die Unterhaltsverpflichtungen für seine beiden Töchter nicht erfüllen. Aber die Angst vor einem angeblichen "Bundesbruch" überwiegt. Von Gabriele Wittek hat er gehört: "Wer den Bund bricht, schafft gewaltige Ursachen. Für den wäre es besser, nicht geboren zu sein."
Hitziger schildert auch die Schwierigkeiten, in die er später gerät, weil er mit seiner (zweiten) Frau zusammenlebt. Dies deckt sich mit Beobachtungen von Personen, die sich schon früher vom UL trennten. Die berichteten, "Schwester Gabriele" dulde seit der Trennung von einer "Jungprophetin" und einer "Begleiterin" in der "Wohngemeinschaft 1" auf Gut Greußenheim (Lkr. Würzburg) neben sich nur Männer. Außerdem habe sie wiederholt darauf hingewirkt, dass Eheleute und Partner sich trennen sollten.
Das "System", sagen alle ehemaligen "Christusfreunde", setzt auf Vereinzelung. Wer seine Bindungen zur "Welt" gekappt und kein Vermögen mehr hat, ist leicht zu beherrschen. "Schließlich sollen alle gleich (arm) sein", hat Otto Wille als Kennzeichen des UL-Systems erkannt. Damals gibt er freiwillig den Großteil des Geldes aus dem Verkauf der ererbten Bauernhöfe: für UL-Kindergarten und UL-Schule, für Anzeigen im In- und Ausland. Allein für ein UL-Festival in München habe er 100 000 Mark gespendet. Er kauft einen Bauernhof in Kredenbach. "Überteuert", sagt er heute. Warum denn dann? "Wenn es heißt, das ist der Wille Gottes, dann macht man es eben."
Die Aussteiger beschreiben den "Schleifprozess" am Ende des "Systems". Plötzlich werde behauptet, man habe "nicht verwirklicht". Man werde "angesprochen" und "gemahnt", sein Name stehe bei Versammlungen plötzlich auf einer Tafel. Wer so am Pranger steht, muss sich auch am Arbeitsplatz rechtfertigen, sagt Wille. Es heißt: Sag doch mal, was ist denn mit Dir los?
Nun beginnen "Harmoniegespräche" und "Arbeitsgruppen". Dort wird das eigene - schlechte - Gewissen erforscht. Wer nicht aus dem Trichter in die böse Welt zurückfallen, seine "Familie UL" verlieren will, der muss sich aufbäumen und kämpfen. Was zur Folge hat, dass er noch härter für den "gerechten Lohn" arbeitet. Auf Unterstützung durch Arbeitnehmervertreter braucht er nicht zu hoffen, denn Betriebsräte sind dem UL-System fremd. "Ab da ist man manipulierbar und überall einsetzbar", sagt Wille.
Michael Hitziger ist seit 1995 in der "Christusklinik" in Michelrieth beschäftigt. Er arbeitet in der Küche, obwohl sich der ehemalige Amtmann im UL auch als Buchhalter beworben hat. Man kann einen Menschen viel leichter "runterputzen", erklärt Wille, der nicht seinen erlernten Beruf ausübt.
Hitziger erinnert sich an seine Arbeitszeiten in der Probezeit im Herbst 1995: häufig von 6 Uhr bis 21, 22 Uhr bei eineinhalb Stunden Pause und das grundsätzlich an sechs Tagen die Woche.
Das Küchenteam kocht nicht nur das Essen für die Patienten der Klinik, sondern auch für die "Prophetin" und die Männer an ihrer Seite. Daraus resultiert ein pikanter Vorfall, an den sich Hitziger genau erinnert: Als ein Mitarbeiter des Küchenteams wenige Worte der Kritik wagt, wird das Essen für Wittek nicht mehr abgeholt. Alle im Küchenteam suchen nun die Ursache des Boykotts bei sich selbst, gemäß der Lehre von Ursache und Wirkung. "Was haben wir nur falsch gemacht", fragen sie sich. Ein Entschuldigungsschreiben soll es gegeben haben, doch der Boykott dauert Wochen.
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"Du bist immer der Dumme"
Otto Wille
über seine Zeit beim UL
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Das Essen wird gemacht, doch es bleibt stehen. Hitziger ist heute noch empört. "Völlig entmündigt" habe er sich gefühlt. Er habe seine Arbeitskraft und die der "Geschwister" missbraucht gesehen, "dass die Fürstin (Wittek) ein schönes Leben führen kann".
"Jeder kann kommen und gehen." Der Spruch gehört zum "System". Oder anders gesagt: Wenn's Dir nicht passt, kannst Du ja verschwinden. Otto Wille und Michael Hitziger sind schließlich gegangen. Wille arbeitet noch als Öko-Winzer, sieht aber keine Perspektive mehr. Er musste schon Inventar verkaufen, lebt also von der Substanz. Mit dem wenigen, was ihm geblieben ist, will er die Region verlassen. Michael Hitziger ist arbeitslos.
Beide sehen, wie viel von ihnen im Trichter geblieben ist. Sie klagen über Verführung und Irreführung und wollen Schadenersatz wegen arglistiger Täuschung in Millionenhöhe. Sie werden vermutlich die Gerichte bemühen müssen. Denn die führenden Köpfe im UL-System drehen den Spieß um. "Es ist billig, sein eigenes Versagen anderen zuzuschieben", schreibt UL-Anwalt Gert Joachim Hetzel an Hitziger. Auch dieses "Spieß-umdrehen" sehen Aussteiger als Teil des Systems. "Du bist immer der Dumme", bilanziert Otto Wille.