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Aufbruch in die Freiheit. Das Universelle Leben und seine Aussteiger

Bistum Würzburg:


Der folgende Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung entnommen aus: Würzburger katholisches Sonntagsblatt, Kirchenzeitung der Diözese Würzburg, Nr. 6 vom 7. Februar 1999.

 

Ihn beeindrucken die familiäre Atmosphäre, die große Hilfsbereitschaft und die Möglichkeit, in vielen Fragen mitreden zu dürfen. Zumindest anfangs. Doch mit den Jahren wird ihm klar, daß alles ganz anders ist: "Jeder hat auf jeden aufgepaßt und kontrolliert. Alles wurde für mich zu einer ziemlich diktatorischen Angelegenheit."

 

Elf Jahre war Fritz Englert (Name von der Redaktion geändert) Anhänger der Glaubensgemeinschaft Universelles Leben (UL). Elf Jahre lebte er in der Überzeugung, am Friedensreich Jesu Christi mitzubauen, galt er als enger Vertrauter der selbsternannten "Prophetin" Gabriele Wittek, der Galionsfigur der Gemeinschaft. Elf Jahre, die ihn fast krank gemacht hätten: "Physisch war ich behandlungsbedürftig", berichtet er heute, drei Jahre nach seinem Ausstieg.

 

Am Anfang stehen mehrere Flugblätter und Broschüren, die ihm ein Bekannter in die Hand drückt. Englert, damals leitender Angestellter in Hanau, wird neugierig, besucht Vorträge in Würzburg, Frankfurt und Darmstadt. Nach einer Veranstaltung in Bayerisch Gmain gelangt er zu der Überzeugung: "Das kann etwas für dich sein." Schon immer habe er das Gefühl gehabt, daß die Bergpredigt eng mit der Lehre des Buddha verknüpft ist, erklärt Englert. Sein Gefühl habe er in den Aussagen des UL bestätigt gesehen. Und noch ein weiterer Punkt fasziniert ihn: "Es gab auf alle Fragen eine Antwort."

Das UL-Gut Greußenheim bei Hettstadt nahe Würzburg
Umzäunt: Das UL-Gut Greußenheim bei Hettstadt nahe Würzburg. - Foto: Gerhard Lenz

Zu finden sind die Antworten in den Offenbarungen der UL-"Prophetin" Gabriele Wittek. Sie ist die Begründerin der Glaubensgemeinschaft. 1968 zieht die damals 36jährige mit Ehemann und Tochter nach Würzburg. "Dort traf Gabriele ein Schicksalsschlag, der ihrem Leben plötzlich eine ganz andere Richtung gab: Ihre Mutter ... starb ... In dieser Prüfungszeit hörte sie die ersten Impulse des ,Inneren Wortes‘, schenkte ihnen aber noch wenig Beachtung", heißt es in der Broschüre "Die Prophetin Gottes in unserer Zeit", herausgegeben von der Gemeinschaft zur Förderung des Heimholungswerkes Jesu Christi e.V. Aus den ersten Impulsen entwickelt sich das Heimholungswerk Jesu Christi. 1984 wird aus dem Werk das Universelle Leben. Anhänger der Glaubensgemeinschaft engagieren sich mehr und mehr auch wirtschaftlich, UL-nahe "Christus-Betriebe" werden gegründet. Heute leben einige Zehntausend UL-"Geschwister" in Deutschland.

 

Zwei von vielen: Hermann und Sabine Berger (Namen von der Redaktion geändert). Beide sind Mitglieder einer evangelischen Freikirche, sehr "bibelfest und bibeltreu". Als Hermann Berger krank wird, suchen sie Hilfe in der Heiligen Schrift. Sie bleiben an einigen Zeilen im Neuen Testament hängen: Jesu Jünger legen Kranken die Hände auf und heilen sie. Das Ehepaar Berger steht vor der Frage: Wenn es so etwas früher gegeben hat, warum sollte das heute nicht mehr möglich sein? Sie machen sich auf die Suche, gehen unterschiedliche Wege und gelangen über verschiedene Esoterikgruppen schließlich zu einem Vortrag von Harald Dohle. Dohle gilt als Berater und ständiger Begleiter von Gabriele Wittek. "Die Vorträge sind sehr interessant gehalten", erinnert sich Sabine Berger. Besonders die Fragerunden im Anschluß stoßen bei ihr auf Interesse. Nicht zuletzt, weil die Referenten sich viel Zeit dafür nehmen und keine Unklarheiten bleiben.

 

Drei Personen – zwei unterschiedliche Zugänge zu einer Glaubensgemeinschaft, die beansprucht, das Neue Jerusalem für das Tausendjährige Friedensreich Jesu Christi errichten zu wollen. Nach Ansicht von Alfred Singer, Referent für Weltanschauungs-, Religions- und Sektenfragen der Diözese Würzburg, zwei typische Zugänge. Singer beobachtet, daß nicht selten Menschen in der Lebensmitte sich dem UL zuwenden. Sie stünden häufig am Gipfel ihres Erfolges und suchten nun nach mehr. Oder aber sie steckten in einer Krise und hielten Ausschau nach etwas, das Hilfe verspricht.

 

In solchen Situationen tue es gut, eine Gemeinschaft zu finden, die Neulinge mit offenen Armen aufnimmt und ihnen Nestwärme vermittelt, schildert Singer. Gleichzeitig bekämen die Suchenden eine Aufgabe beim Werk, die sie mit der Überzeugung ausführen, im Auftrag Jesu Christi – der durch die "Prophetin" spreche – zu handeln.

 

Sabine und Hermann Berger sind überzeugt. Innerhalb von nur drei Wochen treten sie aus der Kirche aus und melden sich zum Meditationskurs der Glaubensgemeinschaft an. "Es war, als würde man sich schon ewig kennen", beschreibt Sabine Berger die ersten Wochen. Ihrem Ehemann ist der "verwirklichte Glauben" sehr wichtig, den er gesucht hat und von dem beim UL – damals noch Heimholungswerk – so viel gesprochen wird. Beide stellen sich ihrer neuen Aufgabe. Sie bleiben allerdings zusammen, ziehen nicht in unterschiedlichen Wohngemeinschaften ein. Und das, obwohl sie aufgrund einer Schulung der Meinung sind: "Wenn wir nicht in verschiedene Wohngemeinschaften ziehen, verstoßen wir gegen den Willen Gottes", entsinnt sich Sabine Berger.

 

13 Jahre lang spricht das Ehepaar frühmorgens noch im Bett liegend ein Gebet, steht dann auf und geht "harmonisch", also ohne Aggressionen, ins Bad. Nach Meditation und Frühstück machen sie sich auf zur Arbeit, er als Geschäftsführer eines Christus-Betriebes, sie als Büroangestellte.

Die Zentrale des Universellen Lebens: Haugerring 7 in Würzburg.
Die Zentrale des Universellen Lebens: Haugerring 7 in Würzburg. - Foto: Martina Schäfer

Das Leben von Fritz Englert beim UL verläuft ähnlich. Sein Wecker klingelt um sechs Uhr, auch sein Tag beginnt mit Gebeten und Meditationen. Viermal pro Woche nimmt er an abendlichen Fortbildungsveranstaltungen teil. Tagsüber widmet er sich seiner Aufgabe im Werk. Der Arzt führt eine Praxis, später arbeitet er in der Naturheilklinik der Glaubensgemeinschaft.

 

Die Tage der UL-Anhänger sind randvoll, Zeit zum Nachdenken bleibt kaum. Trotzdem gerät das Ehepaar Berger irgendwann ins Grübeln: Es werde zwar stets betont, daß die Anhänger der Glaubensgemeinschaft wahre "Urchristen" seien, nach der Bergpredigt lebten und gemeinsam am Friedensreich Jesu Christi bauten. Doch Bergers kommt es vor, als ob das für Gabriele Wittek und ihre engeren Vertrauten keine Bedeutung habe. Es gelte zwar das Motto "Wir sind alle gleich". Doch Hermann Berger hat immer öfter den Eindruck, daß es Menschen gibt, die "gleicher" sind. Besonders, wenn es um Geldangelegenheiten geht.

 

In seinem Buch "Universelles Leben: Die Prophetin und ihr Managment" (Pattloch-Verlag) berichtet Hans-Walter Jungen aus Hettstadt: "Die Führungsclique sucht bei vielen Gelegenheiten, auch durch interne Ausschreibungen, fleißige ,Bienen‘ zu freiwilligen Hilfsdiensten, besonders für Erntearbeiten oder auch Putzarbeiten in den UL-Kliniken. ,Wer nicht mitbient, bekommt Schuldgefühle gegenüber der Gemeinschaft und den Geschwistern‘, berichtete mir ein Aussteiger, denn er ,bringt sich nicht voll ein‘ und kann so die Stufen des Glaubens zum Licht nicht bewältigen. Deshalb heißt es, die letzte Freizeit zu opfern. So wird mit guter Miene gearbeitet und nicht auf’s Geld geachtet. Denn die ,Christusarbeiter‘ sollen nur ihren Lebensbedarf decken, nicht aber ,Schätze sammeln, die die Motten und der Rost verzehren‘. Schätze zu sammeln bleibt offenbar anderen vorbehalten: den grauen Herren, die sich in Frau Witteks Umgebung sonnen. Die armen Arbeitsbienen der Sekte werden ihr Leben lang nicht zu Reichtümern gelangen."

 

Auch die Gemeindeordnung des UL widmet sich dem Thema Geld. Dort heißt es: "Für das Gemeindeleben ist es nicht gut, wenn ein Glied der Gemeinde größeres finanzielles Einkommen aus der Welt hat, das er nach seinem Ermessen oder einzig für sich verwendet. Eine solche Ungleichheit fördert nicht das Gemeinschaftsleben. Das Leben der Gemeinde in Christus kann im Sinne Christi nur aktiv sein, wenn alle Glieder der Gemeinde die Prinzipien des Friedensreiches einhalten: Gleichheit, Freiheit, Einheit, Brüderlichkeit." Für Sabine Berger steht zwei Jahre nach ihrem Ausstieg fest: "Das ist ein schönes Märchen."

 

Dieses "Märchen" versperrt Fritz Englert lange Zeit den Blick auf die Wirklichkeit. Indes kommen ihm zunehmend Zweifel. Zweifel, die er nicht haben darf, denn er stellt damit das Werk Gottes in Frage. Zweifel, die sich aber nicht mehr unterdrücken lassen, denn er sieht einen ständig wachsenden Widerspruch zwischen Theorie und Praxis. Er muß sich selbst gestehen, "daß Offenbarungen und Bergpredigt nicht eingehalten werden". Das Leben beim UL entwickelt sich für Englert zu einem Wettlauf gegen sein Mißtrauen: Ist das wirklich noch die Gemeinschaft, der er sich voller Überzeugung angeschlossen hat? Auch Gabriele Wittek bleiben die Bedenken Englerts nicht verborgen: "Sie sah mir schon von weitem an, ob ich wieder einen zweifelnden Gedanken hatte."

 

Beinahe täglich muß sich Englert vor dem "Triumvirat" rechtfertigen. "Triumvirat" nennt er die Gruppe Gabriele Wittek, Walter Hofmann, der Wirtschaftsmann des UL, und Harald Dohle. Schließlich kommt es zu einem Gespräch im größeren Kreis. Sämtliche "Disharmonien über Freiheit und Demokratie" sollen aus der Welt geschafft werden. Dieses Ziel scheint die Unterredung nicht zu verfehlen: Auf seine Wünsche sei eingegangen worden, und Harald Dohle habe Fehler eingestanden, berichtet Englert. Die Aussagen Dohles seien scheinbar sogar schriftlich festgehalten worden.

 

Die Wirkung eines solchen Gesprächs beschreibt Alfred Spall in einem Gutachten. Der Psychologe analysiert, "inwieweit die Praktiken, insbesondere die Meditationspraktiken des Heimholungswerkes Jesu Christi, als persönlichkeitsverändernd beziehungsweise persönlichkeitsschädigend betrachtet werden können". Spall stellt fest: "Offensichtlich wird beträchtlicher Gruppendruck auf die Teilnehmer ausgeübt: wenn ein Einzelner aus dem Werk wieder aussteigen möchte, was gar nicht möglich sein dürfte, ohne daß dieser mit dem Odium des Abtrünnigen behaftet ist, wird die Schuld dafür nicht nur bei dem Einzelnen, sondern bei den ,Geschwistern‘ gesucht. Auf diese Weise ist sichergestellt, daß die ,Geschwister‘ psychologischen Druck auf das Individuum ausüben, beim Werk zu bleiben, da sie sonst selbst mit punitiven (strafenden, d. V.) Konsequenzen zu rechnen hätten."

 

Drei Tage nach dem Gespräch scheint für Fritz Englert alles wie umgewandelt. Er fühlt sich besser, freier, spürt nicht mehr den kaum zu ertragenden Druck. Doch dann kommt der "Roll back und eine Woche später war es wie vorher". Die schriftlich festgehaltenen Aussagen Dohles seien verschwunden. Und kurz darauf habe Gabriele Wittek mit ihrer Interpretation dem Ganzen noch eines draufgesetzt – in dem Sinne: "Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit". "Damit war die Sache über die Bühne", urteilt Englert ... und für ihn steht fest: Es geht nicht mehr.

 

Auch Sabine und Hermann Berger halten es nicht länger aus. In einem Brief schreibt Sabine Berger, "daß ich nicht sehen kann, daß in dieser Gemeinschaft die Prinzipien, von denen immer gesprochen wird, gelebt werden." Bereits drei Wochen zuvor hat sich Hermann Berger ebenfalls schriftlich an die Bundgemeinde gewandt. Er wolle seine Kritikfähigkeit nicht am Kleiderhaken abgeben, begründet er den Ausstieg.

 

"Bundgemeinde Neues Jerusalem", so nennt sich eine Gruppe von zirka 800 UL-Anhängern, die in Wohngemeinschaften rund um Würzburg leben. 1995 haben sie die Verantwortung für die Gemeinschaft übernommen. In einer Erklärung – veröffentlicht in der UL-Zeitung "Christusstaat" vom Januar 1995 – heißt es: "Hiermit gibt das sich im Universellen Leben aufbauende Volk Gottes bekannt, daß die Verantwortung, die auf der Prophetin und Botschafterin Gottes lag, nun auf den Schultern des Volkes Gottes liegt. Mit anderen Worten: Unsere Schwester, die Prophetin und Botschafterin Gottes, durch die Christus Sein mächtiges göttliches Werk gründete, trägt also nicht die Verantwortung für das gesamte Universelle Leben, sondern das sich aufbauende Volk Gottes, die Bundgemeinde Neues Jerusalem."

Lichtmauer

Der Ausstieg selbst "ging ganz glatt", stellen Bergers erleichtert fest. Im Gegensatz beispielsweise zu Betty Käferstein, die Probleme beim Ausstieg hatte, haben beide kein Geld in "Christus-Betriebe" gesteckt. Außerdem sind sie zu zweit, helfen sich gegenseitig. Wenn Sabine Berger wieder einmal zweifelt, ob es nicht doch Gott ist, der durch die "Prophetin" spricht, nimmt Hermann Berger sie in den Arm und beruhigt sie. Trotz alledem dauert es eine gewisse Zeit, bis das Ehepaar sich vollkommen vom UL lösen kann. Sabine Berger erklärt: "Es ist ein Prozeß. Man muß sich auf den Weg machen, daß man von dem wegkommt, an was man einmal so ehrlich geglaubt hat. Ich habe ungefähr ein halbes Jahr gebraucht." Der Zeitraum sei deshalb so kurz, weil sich der eigentliche Ablösungsprozeß bereits abgespielt habe, als sie noch beim UL war.

 

Hilfe finden die beiden bei Verwandten, zu denen der Kontakt nie abgebrochen ist. Gespräche mit anderen Aussteigern tun ihr übriges. Das Ehepaar erfährt Dinge über die Glaubensgemeinschaft, die es ihm erleichtern, sich frei zu machen – nicht nur von den Strukturen, sondern auch vom Gedankengut des UL. Hermann Berger ist inzwischen so frei, daß er nicht mehr die sieben Stufen des "Inneren Weges", "des göttlichen Pfades zum wahren Leben", auf Anhieb aufzählen kann, die sich von der Ordnungsstufe über den Ernst bis hin zur Barmherzigkeit erstrecken (siehe Grafik).

 

Frei-Sein vom Gedankengut – den Schritt dorthin hat Fritz Englert noch nicht ganz abgeschlossen. Seine Hoffnung: Wer im Zentrum der Gemeinschaft war, braucht seiner Ansicht nach zirka sieben Jahre, um die zu UL-Zeiten gespeicherten Daten und Programme wieder aus dem Gehirn zu löschen – ein Erfahrungswert anderer Aussteiger. Drei Jahre hat Fritz Englert hinter sich. In dieser Zeit liest er viel – querbeet: "Je mehr Texte man liest, aus denen klar hervorgeht, daß das UL auf dem falschen Dampfer ist, umso besser."

 

Auch sonst ist Englert sehr aktiv. Nur keine Zeit zum Nachdenken lassen, lautet seine Devise. Er muß vieles organisieren, in einer fremden Stadt Fuß fassen, eine neue Existenz aufbauen. Aber er ist physisch stark angeschlagen. Ein Grund dafür, daß er anfangs lediglich vier Stunden am Tag arbeitet. Hinzu kommen finanzielle Schwierigkeiten. Sämtliche Konten sind überzogen, sein vorheriges Vermögen ist aufgebraucht. Eine Erbschaft der Eltern hilft Englert schließlich finanziell. Beim Neuanfang unterstützen ihn seine Ehefrau und die drei Kinder, die das UL schon drei Jahre zuvor verlassen haben, und zu denen er in dieser Zeit keinen Kontakt haben durfte. Denn "jeder der ausgestiegen ist, gilt als Judas", so Englert.

 

Alfred Singer kennt die Schwierigkeiten, mit denen Aussteiger kämpfen. Manche seien sogar körperlich angeschlagen, da sie sich in ihrem Engagement verausgabt hätten. Besonders bei den Mitgliedern der Bundgemeinde komme hinzu, daß Ehen und Familien in die Brüche gegangen und die Kontakte zur "Außenwelt" abgebrochen seien. Das erschwere vielen die Entscheidung.

 

Um dem entgegenzuwirken, gibt Wolfram Mirbach in seinem Buch "Universelles Leben – Die einzig wahren Christen?" (Herder-Verlag) Tips für Eltern, deren Kinder sich dem UL angeschlossen haben. Die Ratschläge gelten natürlich auch für sonstige Angehörige und Freunde. Der Autor empfiehlt: "Geben Sie Ihrem Kind kein Geld. Selbst dann nicht, wenn es Sie inständig darum bittet und behauptet, es brauche dieses Geld unbedingt für seine Ausbildung oder etwas anderes, was Ihnen selber am Herzen liegt. Und ertrinken Sie nicht in Selbstvorwürfen und Selbstzweifeln. Selbst wenn es so sein sollte, daß Sie in der Vergangenheit Ihr Kind vernachlässigt und die Beziehung zu ihm nicht genügend gepflegt haben ... Wenn Sie mit Ihrem Kind Kontakt haben, wenn Sie ihm schreiben, mit ihm telefonieren oder wenn es Sie besucht, dann reden Sie am besten nicht ständig mit ihm über das UL."

 

Trotz aller Bemühungen läßt die Gemeinschaft Fritz Englert nicht los. "Streit gibt es nach wie vor", bemerkt er und zeigt auf einen Stapel Faxe – Post, die er in den vergangenen Wochen von der Gemeinschaft erhalten hat. Als ehemals enger Mitarbeiter von Gabriele Wittek weiß Englert gut über das Innenleben der Glaubensgemeinschaft Bescheid. Damit ist er nicht allein. "Manche Aussteiger könnten Dinge erzählen, da würden sich die Haare sträuben", sagt er. Aber sie täten es nicht – aus Angst. "Zuckerbrot und Peitsche", nach diesem Motto habe die UL-Spitze seinem Empfinden nach vor dem Ausstieg gehandelt. Inzwischen bekomme er nur noch die "Peitsche" zu spüren, in Form von Faxen und Verwünschungen.

 

Das alles spielt für Betty Käferstein heute keine Rolle mehr. Ihr Fall geistert 1994 durch Presse, Rundfunk und Fernsehen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, übrigens kein Anhänger der Gemeinschaft, investiert sie einige Millionen Mark in UL-nahe Firmen. Wohlgemerkt, Käfersteins investieren das Geld, sie schenken es nicht. Und deshalb fordern sie es nach dem Ausstieg auch zurück. Doch statt des Vermögens erhält das Ehepaar jede Menge Anrufe und Post; auf der Straße wird Betty Käferstein von Anhängern aufgefordert, zur Gemeinschaft zurückzukehren. Enttäuscht vom UL wendet sich die Aussteigerin an die Öffentlichkeit, worauf das Werk mit Pressekonferenzen und Flugblättern reagiert. Letztendlich sehen Käfersteins keinen anderen Ausweg mehr, gehen vor Gericht und einigen sich: Das Ehepaar bekommt sein Geld zurück, die Aussteigerin verpflichtet sich, künftig über die Zeit beim UL den Mund zu halten, und die Gemeinschaft wird ebenfalls nichts mehr über den Streitfall veröffentlichen.

 

Fritz Englert dagegen bezieht nicht nur von Seiten des UL "Prügel". Es gebe "übel meinende Zeitgenossen", die seine Vergangenheit beim Werk gegen ihn nutzen, etwa, weil er auch nach seinem Ausstieg noch Naturheilkunde betreibe. Das gehe soweit, daß Gerüchte in Umlauf kämen, nach denen der Arzt sich inzwischen Scientology angeschlossen haben soll.

 

"Das Verhalten der Gesellschaft Aussteigern gegenüber läßt zu wünschen übrig": Auch Volker Kempf macht nach seinem Ausstieg schlechte Erfahrungen. Kempf war mehr als zehn Jahre Anhänger des UL, Mitglied der Bundgemeinde und Geschäftsführer eines Christus-Betriebes. Anstelle eines Nachwortes wendet er sich in Hans-Walter Jungens Buch an seine früheren "Geschwister" im UL: "Ich habe lange gebraucht, Menschen zu finden, die mich verstehen, die mir helfen, mit den Folgen des Lebens im UL zurechtzukommen." Trotzdem fordert er einige Zeilen weiter: "Wendet Euch an Menschen außerhalb des UL, die Euch helfen können, wieder Ihr selbst zu werden. Mütter, Väter, Brüder, Schwestern und andere Angehörige und Freunde haben Euch noch nicht vergessen und warten nur darauf, daß sie Euch wieder in die Arme schließen können."

 

Hilfsbereite Menschen außerhalb des UL: Das sind nicht nur Verwandte und Bekannte, weiß Thomas Müller vom Verein "Bürger beobachten Sekten" in Wertheim. Staatliche, kirchliche und private Stellen hätten ein offenes Ohr für die Anliegen der Aussteiger. Wichtig sei allerdings, daß Betroffene den Mut haben und die Hilfe überhaupt in Anspruch nehmen.

 

Als effektive Unterstützung für ehemalige UL-Anhänger schwebt Fritz Englert ein Netzwerk vor. Es solle ermöglichen, daß Aussteiger nicht per Zufall auf Beratungsstellen aufmerksam werden. Für das Netzwerk wünscht er sich eine Art "Hilfsbibliothek, also eine Bibliothek, weniger von Büchern, sondern von Know how, Adressen und Möglichkeiten der Hilfe für Aussteiger". Englert hofft, daß eine Gruppe von Psychologen die Initiative ergreift und ein solches Netz quer durch Deutschland knüpft. Kirchliche Sektenbeauftragte seien die Falschen dafür: "Die meisten Aussteiger lehnen zwar das UL ab, aber sie akzeptieren deshalb noch längst nicht eine Kirche. Sie hängen in der Luft!" Er selbst empfindet seit seinem Ausstieg jede Religionsgemeinschaft als Einengung der wiedergewonnenen Freiheit. Auch im Hause Berger ein entschiedenes "Nein" zu den kirchlichen Sektenbeauftragten als erste Anlaufstation für Aussteiger. Hermann Berger kann sich allerdings eine Stelle innerhalb der Caritas vorstellen; ein Psychologe, der nicht auf den ersten Blick für die katholische Kirche arbeitet.

 

Sektenbeauftragter Singer läßt sich von derlei Stimmen nicht entmutigen: "Wenn ein Mensch in eine Notsituation kommt, dann ist die Kirche verpflichtet, nach ihren Möglichkeiten zu helfen." Die Hilfe anzunehmen – diese Entscheidung liege letztlich beim Betroffenen selbst.

 

Mit seinem Ausstieg hat Fritz Englert vor drei Jahren eine Entscheidung getroffen, die sein weiteres Leben verändert. Eine Entscheidung, durch die er seine "Freiheit und seinen inneren Frieden" wiedergewinnt. Eine Entscheidung, die er bis heute nicht bereut: "Die Zahl meiner negativen Erfahrungen ist so groß, da muß ich mir von den vielen schlimmen Erlebnissen nur ein einziges vor Augen halten. Das reicht schon!"

Martina Schäfer