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Die folgenden, in der Main-Post erschienenen Artikel, geben wir hier wieder mit freundlicher Genehmigung der Chefredaktion der Mainpresse Zeitungsverlagsgesellschaft Würzburg:

Wenn einer nicht verwirklicht

Donnerstag, 14.01.1999 - Bayern

Aussteiger berichten über ihre Zeit bei der Glaubensgemeinschaft Universelles Leben

 

ALTFELD/KREDENBACH · Wer die Gewerkschaft informiert, fliegt raus. Da kennen "Christusbetriebe" im "Universellen Leben" keine Gnade.


VON TILMAN TOEPFER


Das "Universelle Leben", jenes Werk der selbsternannten Prophetin Gabriele Wittek, hat ihren Tagesablauf über Jahre hinweg bestimmt, hat ihr Leben geprägt. Nun gehören Walter Kind und Friedrich Freund (Namen von der Redaktion geändert) zur Schar jener, die sich Aussteiger nennen.

 

Ausstieg? Der Glaubensgemeinschaft - andere nennen das "Universelle Leben" eine Sekte - tritt man nicht so einfach bei wie einem Verein. Der "Innere Weg", den Einsteiger beschreiten müssen, ist ein langer Prozeß. Noch langwieriger ist das Loslassen, die Abkehr. Für viele Aussteiger ist dieser Prozeß sehr, sehr schmerzhaft. Sie sehen sich nach Jahren in der Gefolgschaft der "Prophetin" um ihre Ideale, um wertvolle Jahre ihres Lebens, um ihre Schaffenskraft und nicht selten um ihr Geld betrogen. Ausgebeutet.

 

Die Lebensläufe von Kind und Freund - und die anderer UL-Aussteiger - ähneln sich in vielen Punkten. Walter Kind wollte "etwas verändern im positiven Sinn", war auf der Suche. Friedrich Freund ging es nicht anders. "Ich bin aus ideellen Gründen gekommen", sagt er heute. Wie so viele.

 

Der eine lernte "Christusfreunde" an einem Marktstand kennen, der andere hatte über die UL-Schriften ersten Kontakt, besuchte schon bald Meditationskurse. Zwei Dinge faszinierten: Das Wesen der "Christusfreunde", wie sich die Anhänger Witteks nennen. Irgendwie anders seien sie erschienen, immer lieb und nett. Und da war das Versprechen: "Du bist frei und kannst ja gehen." Freund erklärt: "Sie wollen dich nicht binden. Sie machen es dir sogar schwer, überhaupt hinein zu kommen." Genau dies wirke unheimlich attraktiv. "Das UL arbeitet in dieser ersten Phase nicht mit Druck, sondern mit einem Sog, der dich hineinzieht. Den Druck, den machst du dir dann in deinem Inneren selbst."

 

Sie arbeiteten in Christusbetrieben, und sie arbeiteten an sich. Wenn der Betrieb sie nicht mehr brauchte, meditierten sie, um auf dem "Inneren Weg" voranzukommen. Bald glaubten sie alles, was die angeblich von Gott Ausgesandte, die "reine Frau" Gabriele Wittek an "absoluten Wahrheiten" verkündet hatte. Auch den apokalyptischen Vorhersagen Witteks schenkten sie Glauben. Nur wer die vierte von sieben Evolutionsstufen, die "Stufe der Ernsthaftigkeit" erreicht hat, werde unsichtbar für die Horden, die um die Jahrtausendwende plündernd und alles vernichtend durchs Land ziehen sollen.

 

Sie arbeiteten, beteten, meditierten. Und prüften sich - ständig. Hatten sie noch zu viele Bindungen in die Welt da draußen? Bindungen, die Ärger und Energie kosten? Freund erinnert sich: "Meine Freundin sah ich plötzlich als die Verführerin an, die mich wie die Schlange vom richtigen Weg abbrachte. Ich verstand plötzlich die Priester im Mittelalter, wenn sie die Frauen als Hexen verbrannten. Beischlaf bedeutet Energieverlust, und so verweigerte ich mich ihr."

 

Nur ein Ziel

 

Ihr einziges Ziel war die "Bundgemeinde Neues Jerusalem". So nennen die "Christusfreunde" eine Art inneren Zirkel, dem nur rund 600 bis 700 besonders glaubensfeste Anhänger Witteks angehören dürfen. Kind und Freund schafften es. Erste, noch leise Zweifel an den "absoluten Wahrheiten" empfanden sie der Lehre ihrer "Prophetin" gemäß als teuflische Einspritzungen. Freunderinnert sich: "Etwas in mir weigerte sich, die Meditation zu hören und dieses Etwas empfand ich als satanisch".

 

Sie wurden Mitglieder der Bundgemeinde. Im "Zelt", dem großen Versammlungsraum in Altfeld bei Marktheidenfeld, wurden sie aufgenommen. Freund erinnert sich: "Wir standen auf, legten die Hände auf die Brust und wandten uns dem Kreuz zu. Der Herr fragte uns, ob wir ihm das Ja geben würden Innerlich sagte ich mit jeder Faser meiner Seele Ja."

 

Kind und Freund erhielten den "gerechten Lohn", wie er in allen UL-Betrieben gezahlt wird. Anfang 1998 waren es 2600 Mark brutto für den alleinstehenden Angestellten, plus 300 Mark Essensbon zum Verzehr in einem UL-Betrieb, plus 60 Mark Warengutschein zum Einkauf in einem UL-Betrieb.

 

War der Lohn wirklich gerecht? "Das glaubt mir keiner, wenn ich sage, daß ich teilweise 22 Stunden am Tag gearbeitet habe". Wie, 22 Stunden? "Das war so", beteuert Walter Kind. "Und der Betrieb wußte es."

 

Umsatzdruck und Leistungsdichte in UL-Betrieben seien enorm hoch. "Wer nach acht Stunden sagt, ich höre auf, der muß damit rechnen, daß er gekündigt wird", sagt Kind. Im Gegenteil: Wenn Umsatz und Gewinn nicht den Vorstellungen der "Prophetin" und ihrer Manager entsprechen, mache sich jeder Mitarbeiter verdächtig, werde jeder Einzelne verantwortlich gemacht. Schnell laute der Vorwurf: "Du hast nicht verwirklicht". Kündigungen aus religiöser Willkür seien schnell ausgesprochen, getreu dem Wittek'schen Credo: Die "faulen Äpfel" müssen aussortiert werden, bevor sie andere anstecken.

 

Das habe ein andauernd schlechtes Gewissen bei den Mitarbeitern zur Folge. Alle fragten sich: Bin ich schon angesteckt?

 

Wer derart angesprochen worden sei, müsse besondere geistige und betriebliche Leistungen bringen. Der Druck, der so aufgebaut werde, sei unmenschlich und unchristlich. Sicher, ähnlichen Leistungsdruck gibt es auch außerhalb des "universellen Systems". Aber es gebe einen feinen, wesentlichen Unterschied. Kind erläutert ihn: "Wer einen Christusbetrieb verläßt, verläßt seine Gemeinde und die Scholle". Es ist kein Geheimnis, daß Anhänger des UL auf ihrem "Inneren Weg" familiäre Bande gelockert oder gelöst haben. Die meisten sind von außerhalb Mainfrankens zugezogen, haben kaum Kontakte zur Welt außerhalb des UL. "Weil du keine Zeit mehr hast", sagen die Aussteiger.

 

Die Fragen


Kind und Freund (ver)zweifelten immer heftiger. Dazu trug entscheidend bei, daß sie sich nun ihre Beobachtungen mitteilten, sich mit anderen trafen, die wie sie angefangen hatten, das UL-System in Frage zu stellen. Warum leben einige wenige so luxuriös? Warum tragen einige Armbanduhren, die andere nach Jahren harter Arbeit nicht kaufen können? Sind es nicht gerade jene, die so edel gekleidet sind, die anderen vorwerfen: Ihr habt nicht verwirklicht!

 

Warum reden und schreiben die Sprachrohre Witteks einerseits von christlicher Demokratie, von Beschlüssen, die die Bundgemeinde treffen könne, wenn dann doch immer nach "den ewigen Gesetzen Gottes", also allein nach den Anweisungen der Prophetin gehandelt wird? Der Fragen wurden immer mehr. Warum diese Angstmache vor der Endzeit?

 

Die tägliche Praxis im Christusbetrieb bewog Freund und Kind Anfang November 1997, mit der Gewerkschaft Nahrung, Genuß, Gaststätten Kontakt aufzunehmen. Ein Betriebsrat war ihr Ziel. "Es hätte sich dann ein echter Gegenpol gebildet zu jenen, die allein das Sagen haben bei einer Kündigung". Sie mußten ihre Hoffnung schnell begraben.

 

Auf einem Treffen aller Betriebsangehörigen am Sonntag (!), 18. Januar waren sie schnell "ausgeguckt". Die Kündigung datierte vom 20. Januar. Darin heißt es: "Wer ... betriebsinterne Fragen nach außen trägt, ... stört den Betriebsfrieden." Damit verbunden war ein Hausverbot für alle Einrichtungen des Betriebes und für alle UL-Veranstaltungen. Ein "Gewappneter" - so nennt sich die "universelle" Gesellschaft für Betriebsicherheit, geleitete vom Gelände. Die äußere Trennung war perfekt.

 

Die innere Ablösung dauert Jahre. Einst glaubten sie alles, was Gabriele Wittek oder deren Sprachrohre verkündeten. "Heute glaube ich nichts mehr", sagt Walter Kind. Der gute Glaube ist dem Wissen gewichen. Einem Wissen, das ihr Gewissen nicht ruhen läßt.

"Kriminalgeschichte" bleibt in der Schublade

Freitag, 15.01.1999 - Bayern

Broschüre der Aussteiger über das UL wird es nicht geben

 

KREDENBACH · Hat das "Universelle Leben" Schweigegeld an einen Aussteiger gezahlt, um unerwünschte Veröffentlichungen zu verhindern?


VON TILMAN TOEPFER

Bild

Von einer Scheune im Esselbacher Ortsteil Kredenbach (Lkr. Main-Spessart) ging die plakative Botschaft an das "Universelles Leben": Aussteiger, ehemalige Urchristen also, arbeiten an einer Broschüre über die Glaubensgemeinschaft und deren "Prophetin" Gabriele Wittek.
 
Im Sommer 1998 tauchten Plakate auf. Frühere Anhänger der Glaubensgemeinschaft Universelles Leben (UL) gingen an die Öffentlichkeit. Das erste hing in Kredenbach (Lkr. Main-Spessart) vor dem Hof des Hans Wecker.

 

Die Botschaft lautete: "Frau Wittek - eine gute Geldanlage? - Nicht für jeden!" Potentielle Einsteiger sollten gewarnt werden, Vermögen "gutgläubig", also ohne ausreichende vertragliche Absicherung in einen der "Christusbetriebe" des UL zu investieren. Genau das hatte offensichtlich Hans Wecker getan, als er zum UL stieß. Eine konkrete Summe hat Wecker nie genannt, Kenner der Szene sprechen von mehreren Millionen.

 

Vor Gericht


Dem ersten Plakat folgte ein Rechtsstreit vor dem Amtsrichter in Gemünden, über den diese Zeitung berichtete. Dr. Christian Sailer, der das UL beziehungsweise dessen Anhänger regelmäßig vor Gericht vertritt, erreichte, daß das Plakat verschwinden mußte. Sailer hatte in seinem Antrag an das Gericht verdeutlicht, was seiner Meinung nach das Motiv für die Plakat-Kleber war: Sie wollten das UL unter Druck setzen, um - so Sailer - "höchst dubiose", zivilrechtlich unbegründete Forderungen durchzusetzen.

 

Wenige Wochen später hing ein zweites, größeres Plakat an einer Scheune im Zentrum Kredenbachs. Von ihm prangte eine Ankündigung herab. Eine Broschüre mit Protokollen, Zeugenaussagen und Erfahrungen ehemaliger Anhänger des UL werde bis Ende des Jahres im Buchhandel erscheinen.

 

Nun folgten Gespräche, darunter ein langes, detailliertes mit dieser Zeitung. Zwei ehemalige "Christusfreunde" schilderten, wie sie Anhänger der Gabriele Wittek wurden und was sie in ihrer Zeit beim UL erlebten (wir berichteten gestern).

 

Die beiden Aussteiger arbeiteten zu diesem Zeitpunkt auf dem Hof des Hans Wecker. Sie ließen keinen Zweifel aufkommen, wie wichtig es für sie sei, die Öffentlichkeit über das UL zu informieren. Sie zeigten sich überzeugt, die Broschüre werde tatsächlich erscheinen.

 

Das Vorwort


Hans Wecker hat noch im Oktober 1998 ein Vorwort verfaßt. "Was jahrelang verschwiegen und mit allen Mitteln geheim gehalten wurde, muß endlich an das Licht des Tages kommen", schrieb er darin und kündigte eine Broschüre an, die sich wie eine Kriminalgeschichte lesen werde.

 

Zeugenaussagen würden das machthungrige, "äußerst groteske" Gebaren einer Frau offenlegen. Von Gabriele Wittek war die Rede, der "Prophetin" des UL. "Nichts Wesentliches geschah oder geschieht ohne ihr Wissen und Zutun, weder im sogenannten geistigen noch im wirtschaftlichen Bereich", schrieb Wecker.

 

Bedrohung, Erpressung, Korruption, Intrigen, systematische Zerstörung der Ehen und Familien, undurchsichtige wirtschaftliche Transaktionen - dies seien nur einige Mittel, "die auf höchst persönliche Anordnung von Wittek eingesetzt wurden." Mit Mafia-Methoden seien viele Menschen in den seelischen und wirtschaftlichen Ruin getrieben worden.

 

Man durfte gespannt sein. Hans Wecker hatte seiner "Prophetin" in einer Spitzenposition gedient. Als Leiter des Gutes Greußenheim im Landkreis Würzburg gelegen, hatte er Einblick in interne Vorgänge der Glaubensgemeinschaft. Hier ist seit Jahren die Zentrale der Glaubensgemeinschaft, hier wohnt Gabriele Wittek.

 

Wecker kannte die Gepflogenheiten am "Tisch 1" der Wohngemeinschaft, an dem die "reine Frau" Wittek die Führungsmannschaft des UL um sich sammelt.

 

Um an "sein" Geld zu kommen, hatte Wecker den Beistand von Dr. Thomas Simons bemüht. Als der Münchner Rechtsanwalt von dem Gespräch erfuhr, das die beiden Bediensteten seines Mandanten (Kind und Freund genannt) mit dieser Zeitung geführt hatten, rief er in der Redaktion an und machte unmißverständlich deutlich, daß eine Veröffentlichung des Gesprächsinhalts sehr ungelegen komme. Er verhandele mit dem UL über die Forderungen seines Mandanten, sagte Simons.

 

Wenige Tage später, am 23. November, erreichte die Redaktion ein Anruf von Friedrich Freund. Er zeigt, daß die Gesprächspartner der Redaktion großem Druck ausgesetzt gewesen sein müssen. Der erste Satz lautete: "Wir beide (Freund und Kind) sind aus der Sache ausgestiegen."

 

Abrupt beendet


Auf die Frage nach der Broschüre antwortete Freund: "Ich will meinen Kopf behalten". Dann fügte er hinzu: "Ich will weiter in Deutschland leben". Schließlich verabschiedete er sich abrupt: "Für uns hat sich die Sache erledigt."

 

Für Hans Wecker mittlerweile auch. Bei den Plakaten handele es sich um eine persönliche Auseinandersetzung zwischen ihm und dem UL, ließ er uns gestern wissen, "die inzwischen längst beigelegt ist." Wecker hat "sein" Geld bekommen. Schweigegeld?

 

Dr. Christian Sailer bestätigte auf Anfrage man habe sich mit Wecker in den letzten Tagen des vergangenen Jahres "geeinigt". Weitere Angaben wollte Sailer nicht machen.

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