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Die Sekte breitet sich aus im Dorf

Den folgenden Artikel, entnommen aus "Unser Auftrag", Heft 11/99, geben wir hier wieder mit freundlicher Genehmigung der Autorin: 

 

Im Wirtshaus verstummen die Gespräche, wenn ein Fremder eintritt. Michelrieth ist das bestbewachte Dorf Bayerns, vermuten Einheimische. Weil sich die Prophetin und der Sektenanwalt hier niedergelassen haben, durchkämmen die "Gewappneten", der Sicherheitsdienst der Sekte, Tag und Nacht das Dorf.  

 

Das alte Schulhaus haben sie nicht bekommen, sonst aber sind die Sekten-Unterhändler sehr erfolgreich gewesen beim Häuserkauf im Spessart-Dorf Michelrieth. Das Schulhaus im Dorfzentrum hat der Sohn der früheren Mesnerin gekauft. Thomas Müller ist mit seiner Familie nach Michelrieth zurückgekehrt, er hat das Mesneramt von seiner Mutter übernommen und das alte Schulhaus zum Wohnhaus umgebaut, weil er sein Heimatdorf nicht ganz dem Universellen Leben (UL) überlassen wollte. "Alle reden von Scientology", wundert er sich, über "die ureigene bayerische Sekte, das Universelle Leben" werde viel zu wenig gesprochen. 

 

Michelrieth, überwiegend evangelische Gemeinde im Spessart, muss schon seit mehr als zehn Jahren mit der Sekte dem UL leben. Es fing damit an, dass 1986 UL-Ärzte ein altes Klinikgebäude im Dorf übernahmen und es als Naturklinik "für Leib und Seele" ausbauten. Mittlerweile ist mehr als die Hälfte des Dorfes von der Sekte besetzt. Kaum ein Haus im Neubaugebiet des 800-Seelen-Dorfes, das nicht vom UL aufgekauft oder angemietet ist. Mitten durch das Dorf geht die Sektenlinie. Hier die Neubauten der UL-Schwestern und -Brüder, dort die Höfe der alten Dorfbewohner. 

 

Was einige der alten Dorfbewohner besonders schreckt: Inzwischen macht sich die Sekte auch im Dorfkern breit. UL-Wohngemeinschaften werden demnächst im Neubau neben der Dorfgaststätte einziehen, dort, wo früher ein altes Gehöft gestanden ist. Und neben dem evangelischen Friedhof hat die Sekte Senioren angesiedelt. 

 

Allgegenwärtig: Männer mit Funkgeräten 
Christian Sailer, der Sprecher und Anwalt der Sekte, lebt im Dorf. Die Prophetin selbst hat sich in Michelrieth ein Haus am Waldrand ausgesucht. Wer zu nahe an das Haus der Prophetin gerät, dem kann es passieren, dass er sich plötzlich in die Zange genommen fühlt von Männern mit Funkgeräten. Die melden an die Zentrale, wenn verdächtige Fremde sich in der Sektensiedlung verirren. 

 

Beim Spaziergang durchs Dorf und im Wald trifft niemand auf die Prophetin. Doch wenn der weiße Audi durch die Grafschaftsstraße braust, kann man Gabriele Wittek hinter getönten Scheiben erkennen, sagt Thomas Müller. Ein aktuelles Foto der selbst ernannten Prophetin würde hoch gehandelt werden, vermutet er. Doch so nah, dass man sie fotografieren könnte, kommt die Frau mit den schwarz gefärbtem und straff zurückgebundem Haar keinem der Dorfbewohner. 

 

Die gute Luft im Spessart und die nahe Autobahn waren vermutlich ähnlich ausschlaggebend für die Siedlungspolitik der Sekte. Günstig für die Sekte war vermutlich auch, dass Michelrieth von der Stadt Marktheidenfeld aus regiert wird. In der Stadt selbst gibt es nur vereinzelt Sektenmitglieder, doch in den eingemeindeten Dörfern hat das Universelle Leben Wurzeln geschlagen. Grundstücke in den umliegenden Dörfern an die Sekte zu verkaufen, schien der Stadtverwaltung kein Problem. Oft genug hat das UL auch deutlich mehr geboten für Grundstücke als die Einheimischen. Das hat sicher zusätzlich gelockt. Mit "ganz normalen Ängsten vor allem Freumden" erklärt Bürgermeister Leonhard Scherg die Ängste der Dorfbewohner vor einer Unterwanderung durch die Sekte. 

 

Neben der Privatklinik in Michelrieth unterhält die Sekte im Nachbardorf Esselbach eine private, vom Staat mitfinanzierte Schule. Ein paar Kilometer weiter, in Kredenbach, hat sich die UL-Sozialstation "Helfende Hände" niedergelassen. Das Einkaufsland "Alle für alle" wirbt im benachbarten Altfeld im Kunden auch aus der weiteren Umgebung. 

 

Einschüchterungsversuche 
Manche UL-Äußerung könne "ängstliche Gemüter schon erschrecken", räumt der Marktheidenfelder Bürgermeister ein. Doch niemand müsse das besonders ernst nehmen, sagt er. Der Michelriether Pfarrer Reinhold Völler und Mesner Thomas Müller berichten  von telefonischen und schriftlichen Einschüchterungsversuchen der Sekte. Auch Hiltrud von Loewenich, die Frau des früheren Landesbischofs, hat schon erlebt, wie ihre Nachbarn mit Wurfzetteln des UL vor ihrem Mann gewarnt worden sind. "Da fühlt man sich machtlos", sagt sie, "gegen dieser Art der Auseinandersetzung kann man sich nicht wehren". 
In zwei Instanzen hat Sektenwalt Christian Sailer vor kurzem gegen die Kirchengemeinde prozessiert, weil ihm die Internetseite der Gemeinde übel aufgestoßen ist. Der erhoffte Erfolg für die Sekte ist allerdings ausgeblieben. Unter http://www.michelrieth.de kann man weiterhin nachlesen, wo und wie "die wesentlichen Fäden der wirtschaftlichen Aktivitäten der Sekte zusammenlaufen". Nur einige Halbsätze sind geschwärzt. 

 

Über die Klinik in Michelrieth heißt es in der Internet-Seite der Kirchengemeinde: Sie soll "das von der Prophetin offenbarte Gesundheitskonzept in die Tat umsetzen". Danach beruht Krankheit im wesentlichen auf "falschem Denken". "Menschliche Schuld und Versagen werden nach der Lehre des UL in der gigantischen 'Buchhaltung Gottes' gespeichert und fallen in der Form von Krankheiten oder Schicksalsschlägen wieder auf die Schuldigen zurück." 

 

Erfahrungen mit der Christusklinik 
Kaum ein Leiden, das in der "weltweit ersten Christusklinik" nicht behandelt wird. Ein Schreiben des Gesundheitsamtes hat entscheidend dazu geholfen, dass aus der Kurklinik ein Allgemeinkrankenhaus geworden ist, die auch "akutstationäre Krankenbehandlung" anbieten darf. Beamte und deren Angehörige bekommen seither über die Beihilfe 50 bis 80 Prozent der Kosten in der sogenannten Christusklinik erstattet. "Ich komme jedes Jahr in den Herbstferien hierher", schwärmt eine Lehrerin aus Nürnberg, die Seele könne hier richtig aufatmen, "die machen hier so eine tolle Maltherapie". 

 

Sie habe den Ärzten in der Michelriether Klinik voll vertraut, sagt die Sektenaussteigerin Irene Saft aus Heilbronn, die über eine Fastenkur in die Sekte geraten ist. Nie habe sie geglaubt, sie könne selbst einmal in einer Sekte landen, sagt sie heute. "Ich wusste nicht, wie leicht man da hineingezogen wird." 

 

Irene Saft hat die Tropfen geschluckt, die ihr ans Bett gestellt wurden. "Ich habe auch nicht nachgefragt, was dir mit injiziert haben", sagt sie. Erst nach und nach seien ihr Veränderungen an sich selbst aufgefallen. "Meine eigene Stimme war mir fremd", erinnert sie sich, "ich bin ganz außer mir gewesen". 

 

Nach einer Meditation - "wir lagen alle auf dem Boden, die Kassette von der Prophetin wurde abgespielt" - sei sie in Panik erwacht. "Mit Herzrasen, eiskalten Füßen, die Hände wie abgeschnitten." Wie unter Zwang habe sie dann in ihrem Zimmer "alles niederschreiben müssen". Und am anderen Tag hat sie dann im Gruppengespräch alles erzählt, was sie unter innerem Druck geschrieben hat. 

 

Der sogenannte innere Weg, den Anhänger der Prophetin beschreiten sollen, macht "taub und gefühllos für alles, was von außen kommt", sagt Irene Saft. Man soll nichts Unwesentliches sprechen, fordert Gabriele Wittek von den sogenannten Schwestern und Brüdern im UL. Und bevor man sich auf Gespräche mit Außenstehenden einlässt, soll man genau prüfen, ob man nicht zu viel von der wertvollen Sekten-Energie an weniger hochstehende Menschen verschwendet. 

 

Über "das Wetter oder die schönen Blumen im Garten kommen Sie nicht hinaus", berichtet die Kirchenpflegerin Helga Schäfer in Michelrieth von Gesprächen mit Sektenanhängern. Als Zeitungsausträgerin kommt sie täglich auch in das Wohngebiet der Sekte. "Die sind alle unheimlich freundlich", sagt sie, "aber Sie können nicht reden mit denen". Wenn sie nur frage, wie es ihnen in Michelrieth gefällt, "dann drehen die sich schon um". Fast so, als habe sie etwas Obszönes gefragt. 

 

Misstrauen macht sich breit 
"Wenn eine Sekte so lange im Dorf ist, ist es nicht mehr schön", sagt sie über das Leben hier. Das Misstrauen untereinander ist für sie das Schlimmste. An zwei Händen kann sie die Leute im Dorf abzählen, die wirklich nichts mit der Sekte zu tun haben wollen. Immer wieder sei es das Geld, mit dem die Sekte locke. Längst ist die Sekte größter Arbeitgeber im Dorf geworden: Sie vergibt Aushilfstätigkeiten und Jobs in der Klinikverwaltung, in der Ambulanz und im hauswirtschaftlichen Dienst der Seniorenwohnanlagen.

 

Im Michelriether Wirtshaus verstummen oft die Gespräche, wenn Fremde in die Stube treten. 

 

"Wir wissen ja nicht, ob einer vom UL geschickt worden ist oder nicht", sagt Gastwirt Hans Mohr. Froh ist der evangelische Gastwirt darüber, dass die Landeskirche die Pfarrstelle um eine Halbtagsstelle aufgestockt hat, um der Kirchengemeinde Rückhalt zu geben in der Auseinandersetzung mit der Sekte. 

 

Ele Schöfthaler

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