Und wieder droht der Anwalt
Den folgenden Artikel, entnommen aus "Unser Auftrag", Heft 11/99, geben wir hier wieder mit freundlicher Genehmigung des Autors:
Kritiker der Sekte müssen Stärke beweisen
Erst kommt die Unterlassungserklärung, dann der Prozess. Wer das UL kritisiert, braucht starke Nerven. Doch wer belegen kann, was er über das UL öffentlich mitteilt, muss auch gerichtliche Auseinandersetzungen mit der Sekte nicht scheuen.
Prozesse als Mittel, um Kritiker mundtot zu machen – dies ist ein Prinzip, das man von vielen extremen Gruppen kennt und das auch im UL angewandt wird. Sie, die selber überhaupt keine Schwierigkeiten darin sehen, Kritiker zu verunglimpfen, zeigen sich als sehr empfindlich, sobald ihnen selber Vorwürfe entgegen gebracht werden. Doch damit nicht genug. Sie schrecken nicht davor zurück, Dinge zu behaupten, die einer gerichtlichen Untersuchung in keiner Weise standhalten. Genauso war es in meinem Fall, als ich 1994 vom UL vor Gericht gezerrt wurde: Die Vorwürfe des UL waren von Anfang an unhaltbar.
Dass ich auf eine Konfrontation mit dem UL zusteuerte, hatte sich schon eineinhalb Jahre vorher abgezeichnet. Als ich mit meiner Doktorarbeit schon fast am Ende angelangt war und nun Ergebnisse präsentieren konnte, hielt ich im Würzburger Rudolf-Alexander-Schröder-Haus einen Vortrag, der mit ca. 300 Besuchern sehr gut besucht war. Meine Grundthese damals lautete: Das UL ist keine selbständige, an Frau Wittek geoffenbarte neuartige Religion. Vielmehr ist es ein unausgewogenes Gemisch aus Versatzstücken verschiedenster Weltanschauungen und religiöser Vorstellungen – sozusagen ein großer Rührkuchen.
Auch wenn sich von den Besuchern dieses Abends keiner als UL-Anhänger zu erkennen gab, war mir doch klar, dass mindestens zwei Personen, die sich an der anschließenden Diskussion beteiligten, nach ihrer Kleidung und ihrer Wortwahl aus dem UL-Umfeld kommen mussten.
Im Visier des UL
Dass das UL
mit dabei war, zeigte mir auch ein anonymer elfseitiger Brief, den das UL
wortwörtlich in seiner Zeitschrift, die damals „Der Christusstaat“ hieß,
abdruckte. Das UL musste sich von meiner Argumentation sehr getroffen fühlen,
wenn es mir einen halben „Christusstaat“ widmete. Das „Werk des Herrn“
(Selbstbezeichnung des UL) versuchte, mich als einen „29-jährigen
Abiturienten..., der sich schnell einen Namen machen und viel Geld verdienen
möchte“ lächerlich zu machen. Auch bemühten sich namhafte Vertreter des UL, die
Annahme meiner Doktorarbeit – die zu diesem Zeitpunkt noch niemand vom UL kannte
- in Erlangen zu verhindern. Dies gelang zwar nicht, doch war mir seitdem die
Aufmerksamkeit des UL sicher. Wo immer ich einen Vortrag hielt, waren
UL-Anhänger dabei, die sich entweder eifrig Notizen machen oder versuchten,
durch Koreferate oder Störungen meinen Vortrag zu beeinträchtigen.
Nachdem eine UL?kritische Sendung des Hessischen Rundfunks am 10.12.1993 in der ARD ausgestrahlt worden war, in der auch ich massive Bedenken gegen das UL vortrug, beschloss die Spitze des UL vermutlich, gegen mich auf einer neuen Stufe vorzugehen.
Am 25.1.1994 halte ich einen Vortrag, der von einer Anzahl von UL?Anhängern besucht wird. Sie teilen, wie das üblich geworden war, vor dem Veranstaltungsraum Flugzettel gegen mich und den Vortrag aus. Anschließend setzen sie sich in einem vollbesetzten Gemeindesaal ganz nach hinten. Die Stimmung beim Vortrag schlägt Wellen, durch den Fernsehbericht ist die Stimmung noch aufgewühlter als sonst. Bereits drei Tage später, am 28.1., natürlich einem Samstag, an dem ich ohnehin nichts unternehmen kann, erhalte ich von Sailer und Hetzel, den UL-Anwälten, einen schwer verständlichen und in sich unlogischen Brief. Einerseits wollen Sie wissen, ob ich bestimmte Äußerungen bei meinem Vortrag getan habe. Andererseits unterstellen Sie bereits, dass ich diese Behauptungen aufgestellt hätte. Denn ich soll mich verpflichten, künftig nicht mehr zu behaupten, dass (1) im UL die Kinder kurz nach der Geburt den Eltern weggenommen würden, dass (2) im UL Antisemitismus betrieben werde, dass (3) die Einnahmen der Christusbetriebe im wesentlichen zwei engen Vertrauten der „Prophetin“ zuflössen. Wenn ich das noch einmal behaupte, sollte ich 5000 DM zahlen.
Natürlich unterzeichne ich eine solche Erklärung nicht. Denn (1) habe ich nie behauptet, (2) ist zum damaligen Zeitpunkt schwarz auf weiß aus dem „Christusstaat“ belegt, (3) bezog sich auf die Fernsehsendung vom 10.12. 93. Die Redakteure hatten gründlich recherchiert. Und dass das UL nichts Eiligeres zu tun hatte, als die Verhältnisse in den „Christusbetrieben“ schnellstens zu ändern, konnte und musste ich nicht wissen. Es wirft allerdings auf das UL kein gutes Licht, wenn diese Fernsehsendung zu derart hektischen Aktivitäten führt.
Das UL beantragt daraufhin den Erlass einer einstweiligen Verfügung beim Landgericht Würzburg. Es geht nicht mehr um 5000 DM, sondern um bis zu 500 000 DM, die ich bezahlen soll, wenn ich bestimmte Behauptungen künftig aufstelle. Interessant ist, dass Sailer gegenüber seiner Drohung vom 28.1. eine Änderung vorgenommen hat. Vielleicht hat er ja den „Christusstaat“ mit antisemitischen Äußerungen gelesen. Diesen Vorwurf lässt er also weg. Statt dessen soll ich nun auch noch behauptet haben, dass die „Christusbetriebe“ des UL keine Sozialleistungen abführten.
Nachdem sich das Gericht beim ersten Verhandlungstermin vertagt hat, schreibt mir Sailer wieder einen Brief, in dem er Tonbänder von mir ausgehändigt haben will, um festzustellen, ob ich von „gefährlichen Machenschaften“ in der Führungsspitze des UL gesprochen habe.
Die Verhandlung selbst findet dann endlich am 20.7.94 statt. Der Hauptzeuge des UL entpuppt sich eher als eine Lachnummer. Er behauptet, er habe sich beim Vortrag im Januar Notizen gemacht, die er später vernichtete. Einem ehemaligen Pfarrer, der sich dem UL zugewandt hat, will er dann das Protokoll diktiert haben, aus dem Sailer dann eine eidesstattliche Versicherung gefertigt hat. Der Zeuge behauptet zwar nicht mehr, ich hätte gesagt, dass die Kinder ihren Eltern gleich nach der Geburt weggegeben würden. Doch der Rest seiner Aussagen ist wenig glaubhaft: Obwohl er hinten im Saal saß, will er trotz der Unruhe im Saal deutlich vernommen haben, was ich über Sozialleistungen im UL sagte. Als Sailer seine Felle davon schwimmen sieht, versucht er, einen Richter aus den Angeln zu heben, weil dieser evangelisch und damit voreingenommen sei. Doch ändert dies nichts daran, dass das Gericht den Zeugen für wenig glaubwürdig hält und den Antrag des UL abweist.
Richterschelte gehört dazu
Für
Sailer ist der Grund dafür ganz klar: Nicht etwa, dass das UL gezielt versucht
hatte, einen Kritiker mit üblen Methoden zum Schweigen zu bringen, was das
Landgericht Würzburg durchschaute, sondern die Richter sind schuld. Er hat
„Zweifel an ihrer Unbefangenheit“. So legt er Berufung beim Oberlandesggericht
Bamberg ein und fordert „Richter, die innerlich unabhängig und wirklich neutral,
also weder katholisch noch evangelisch sind.“ Zur selben Zeit, im September
1994, werden in Würzburg vor dem Landgericht Flugblätter verteilt, auf denen
Richter als Handlanger für die ungerechte Sache der Kirchen dargestellt werden.
Doch auch in der Berufung wird das UL abgewiesen. Für mich ist damit nach acht Monaten Anspannung der Spuk vorbei. Ich erkenne aus diesem Prozess, dass Sailer diese Verfahren nützt, um seine eigene Bedeutung innerhalb des UL zu steigern. Das ganze Verfahren ist darauf angelegt, mich einzuschüchtern. Was mich besonders erbost, ist, dass natürlich nicht nur ich, sondern auch meine Frau von diesem Prozess betroffen wird. Sie hat mit dem UL nichts zu tun und kann daher weniger einschätzen, wie sich die Dinge entwickeln werden. Das UL macht ihr also viel mehr Angst als mir.
Auch für mich aber ist dieser Prozess belastend. Als ich Ende Januar den Brief Sailers erhalte, bin ich erst einmal völlig ratlos. Diese Ratlosigkeit legt sich zwar nach wenigen Tagen. Ich habe das Glück, dass ich auf Rat und Hilfe von Mitarbeitern der evangelischen Kirche bauen kann, dass mir ein guter Anwalt in Würzburg vermittelt wird, der bereits Erfolg gegen das UL gehabt hat. Dennoch bleibt eine erhebliche zeitliche und nervliche Beanspruchung. Dabei habe ich es noch gut im Vergleich zu Privatleuten, die ein ungleich höheres persönliches und finanzielles Risiko eingehen, wenn sie es wagen, ihre Erfahrungen mit dem UL und ihr Wissen darüber an die Öffentlichkeit zu tragen.
Doch ich kann nur raten, die Auseinandersetzung mit dem UL nicht zu scheuen. Meine Erfahrungen, die ich nach meinem Weggang aus Würzburg mit Neureligionen im Allgäu und in Oberfranken gemacht habe, beweisen mir deutlich, dass das UL wesentlich gefährlicher und bedrohlicher ist als die meisten anderen „Sekten“. Gerade deshalb braucht es Aufklärung und Wissen über das UL, damit es niemand gutgläubig unterstützt oder gar unwissend in es hinein gerät.
Dr. Wolfram Mirbach