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Kinder in der Sekte

Den folgenden Artikel, entnommen aus "Unser Auftrag", Heft 11/99, geben wir hier wieder mit freundlicher Genehmigung der Autorin: 

 

Erwachsene blättern im Seelenbuch der Kleinen 

 

Sex ist schmutzig, auch Sex in der Ehe, glaubt man im UL. Mann und Frau sollen nur dann miteinander intim werden, wenn sie "einer Seele zur Inkarnation" verhelfen wollen. 

 

Zuerst einmal ist alles negativ im Leben der meisten Menschen. "Übereinstimmungen im Negativen" sind es, die Mann, Frau und Kind zusammenführen. Was die drei im Leben bindet, ist die Aufgabe, "gemeinsame Belastungen, gemeinsame Schuld zu bereinigen und somit aufzuheben". "Unter Umständen", so räumt Gabi ein, sind "auch Übereinstimmungen im Positiven vorhanden." Doch das Negative überwiegt, zumindest bei Menschen, die noch nicht weit gediehen sind auf dem einzig wahren Erleuchtungspfad. 

 

Die Sprache, in der die Prophetin seit einigen Jahren bevorzugt kündet, ist aus verschiedenen Sprachwelten gemixt: insbesondere aus der Computerwelt und aus verschiedenen Strömungen der Esoterik. Schuld wird bereinigt, sogenannte Engramme, negative Einprägungen in der Seele, werden gelöscht. Ähnliche Sprachbilder finden sich auch bei Scientology. Scientologen haben schon vor dem UL davon geschwärmt, wie die sogenannten Engramme gelöscht werden können. 

 

Gefährliche Küsse 
Jeder Händedruck, jeder Kuss kann gefährlich werden. Schon die Haarbürste eines anderen kann mit negativer Energie aufladen. Unheimlich muss es vor allem den Schwestern  im UL werden, wenn sie noch näher an einen Bruder geraten. Geschlechtsverkehr kann die "kosmische Landkarte und den Charakter" vor allem der Frauen  durcheinander bringen, lehrt die Prophetin. Die Frau erfährt durch "Informationsübertragung, gleich Programmtransfer, eine Prägung von seiten des Mannes". 

 

Der Mann bleibt weitgehend aussen vor. Den trifft es auch nicht so hart, wenn die Beziehung auseinanderbricht, vermutet die Prophetin in einer Anwandlung psychologischer Erklärungslust. Doch "so manche Frau leidet" unter einer Trennung "bewusst oder unbewusst, da sie weitaus mehr positive oder negative Engramme des Mannes aufgenommen hat als umgekehrt". Dazu kommt in der Schwangerschaft "die Einstrahlung der Seele" des Kindes, die um so negativer wirkt, je schlechter und schuldiger die Frau sich zuvor schon gefühlt hat. Die Prophetin kennt da keine Gnade: Gleiches zieht für sie Gleiches an, eine Frau, die viel Schuld abzutragen hat, wird auch ein schuldbeladenes Kind zur Welt bringen. 

 

Verlockend mag da für manche UL-Schwester sein, dass sie nicht ständig an ein negativ strahlendes Kind gebunden ist. Nur das innere Band zwischen Mutter und Kind soll tragen, tatsächlich darf und soll die Mutter ihr Kind möglichst bald in Hände erfahrener Seelenlehrer geben, die es in Wohngemeinschaften, Ganztagskrippen, -kindergärten und -schulen auf den Pfad der inneren Erleuchtung führen sollen. 

 

"Viele, die Kinder gezeugt und geboren haben, erwachen für den Dienst am Nächsten und sehen darin ihre Aufgabe. Sie sollen ihre Kinder nicht vernachlässigen, sondern einem Vater-Mutter-Haus anvertrauen, in welchem sie in rechter Weise nach den Gesetzen der selbstlosen Liebe erzogen werden." 

 

Müttern und Vätern wird weniger Fähigkeit zur Erziehung zugetraut als den Sekten-Profis. Weint ein Kind, wenn es morgens in der Krippe oder im Kindergarten abgegeben wird, ist meist die Mutter schuld. Die gibt das Kind nicht frei, so heisst es. Die Mutter muss lernen, der Harmonie in der Kindereinrichtung zu vertrauen. In der abendlichen Elternschule im Kindergarten sollen Mütter und Väter lernen, Negatives zu bereinigen. 

 

Beobachtung rund um die Uhr 
Was die Kinder auch tun in der Krippe und im Kindergarten, sie stehen unter Beobachtung. Von Anfang an gibt es das Lebensbuch, das die Erzieherinnen für die Kinder führen. Da wird notiert und gesammelt, was das Kind malt, plaudert und tut. Dieses Lebensbuch wird dann regelmäßig zusammen mit den Eltern besprochen. Später einmal soll das Kind fähig sein, das Lebensbuch selbst zu führen. Nicht nur die Taten soll es dann eintragen, sondern vor allem auch alle schlechten Gedanken. Und weil ja alle im UL das sogenannte Band der Harmonie verbindet, dürfen geistige Führer auch jederzeit Einblick nehmen in das Lebensbuch. 

 

"Wenn die Daten und somit die Programme schon lange im älteren Menschen eingespeichert sind, bedarf es unter Umständen eines großen Zeitaufwandes und vieler Mühen, das alte Programm zu löschen. Dagegen hat es der Jugendliche um vieles leichter. Zwar hat auch seine Seele Licht und Schatten in das Erdenleben gebracht, jedoch sind seine Gehirnzellen nicht mit menschlichen Denkmustern, mit alten Gewohnheiten und Wünschen programmiert. Der junge Mensch ist wie ein Baum, er lässt sich noch leicht biegen..." (Auszug aus einem der Erziehungsbücher, die Gabi von einem Engel Liobani diktiert bekommen haben will). 

 

Zeitweilig dürfen gestresste Eltern ihre Kinder auch Tag und Nacht abgeben. "Spiel mit uns" heisst die UL-Einrichtung in Altfeld, in die ein Kind "jederzeit stundenweise, tageweise und rund um die Uhr" gebracht werden kann. So verspricht es ein Werbeprospekt der nahen Naturklinik in Michelrieth. Für Patientinnen und Patienten dort das besondere Angebot: "Die Krankenkasse kann die Kosten auf Anfrage übernehmen." Und ganz nett und unverfänglich wirkt der letzte Satz im Service-Teil der Klinik: "Ein Erlebnis-Kinderspielplatz und Ausflugsmöglichkeiten warten in naher Umgebung." Von den Ausflugsmöglichkeiten der Erwachsenen in die Seelenwelt der Kinder wird wohlweislich nichts gesagt. 

 

Der Theologe Wolfram Mirbach macht in seinem Buch "Universelles Leben. Die einzig wahren Christen?" auf drei Punkte in der Kindererziehung des UL aufmerksam: 

 

Das UL ist überzeugt, dass seine Pädagogik jeder elterlichen Erziehung überlegen ist. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern bleibt nach Ansicht des UL selbst dann bestehen, wenn die Kinder ihr Kind nur selten sehen, weil sie durch das karmische Band stets miteinander verbunden sind. 

 

In Kindergarten und Grundschule ist das "Lebensbuch" sehr wichtig. Die Erzieherinnen müssen jede Lebens- und Gemütsregung dort eintragen. Vieles im Tagesablauf des Kindergartens - wie Bildermalen und Spiel - haben ihren Hauptzweck anscheinend darin, Stoff für diese Eintragungen zu liefern. So fragt sich, wie die Erzieherinnen ihrer pädagogischen Aufgabe gerecht werden können, wenn diese Aufgabe derart im Vordergrund steht. 

 

Durch die als "wahr" bezeichnete Geschichten entsteht bei Kindern das Bild, als sei die Natur von Wichteln und Elfen nur so durchdrungen. Es entsteht auch der Eindruck, als seien fleischfressende Tiere böse, bzw. als sei es möglich, sich nur richtig mit Christus in Verbindung zu setzen, um den Angriff eines gefährlichen Tieres abzuwenden. 

 

Ele Schöfthaler