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Die unnahbare Prophetin

Den folgenden Artikel, entnommen aus "Unser Auftrag", Heft 11/99, geben wir hier wieder mit freundlicher Genehmigung der Autorin:

 

Vom Machtzauber der Frau Wittek

 

Fotografieren darf sie keiner, weil sie wie ein Engel sein soll. Diskussionen geht sie grundsätzlich aus dem Weg. Gabriele Wittek, die selbst ernannte Prophetin im Universellen Leben und angebliches Sprachrohr Gottes, scheint Angst zu haben vor der Begegnung mit der Welt.


Reporter bekommen sie ebenso wenig zu Gesicht wie Richter oder Staatsanwälte. Gabriele Wittek, die mit blecherner Stimme angebliche Heilsbotschaften aus dem Jenseits verkündet, lebt zurückgezogen, bewacht und behütet von den "Gewappneten", dem privaten Sicherheitsdienst der Sekte.

 

"Lebe deinen Tag in Harmonie", empfiehlt sie unter den Hotline 0931/3903200 vom Band in immer neuen, alten Versionen. "Guten Abend, lieber Bruder, liebe Schwester", begrüßt sie  in monotonem Singsang mit seltsam rollendem "R" die Hörer am Band. Sie fragt nach Wohlklang oder Missklang im Herzen und empfiehlt, auf die Stimme des Gefühls zu hören,  mehr zu geben als zu nehmen, zu schlichten, statt Befehle zu erteilen, zu versöhnen, als andere in Gedanken und Worten zu strafen.

 

Offensichtlich gelten die Empfehlung in erster Linie für die anderen, für  Menschen, die noch nicht in die lichten Höhen vorgedrungen sind, in denen sich Wittek selber wähnt. Wer einmal in ihrer Nähe lebte und später verstoßen wurde, kann von der harten Seite der angeblichen Prophetin berichten. Da ist eine Frau, die sehr um das eigene Leben besorgt scheint, die es aber zumindest hinnimmt, wenn andere sich verlassen und verraten fühlen von ihr und der UL-Gemeinde.

 

Der Würzburger Diplom-Psychologe Alfred Spall hat in einem Gutachten für das Bundes-Familienministerium ein Beispiel für den Druck genannt, dem Anhänger der selbst ernannten Prophetin ausgesetzt sind. "Da sitzt eine Gruppe von UL-Anhängern in einem Raum zusammen, und dies in einer großen Erwartungshaltung. Dann sagt plötzlich eine Prophetin mit sibyllinischen Worten: 'Hier im Raum sitzt einer, der...'. Man kann sich leicht vorstellen, dass auf diese Weise bei einer Reihe von Anwesenden große Angst- und Schuldgefühle erzeugt werden, zumal wenn der Inhalt der Prophezeihung eine bedrohliche Botschaft ist."

 

Mairadi und die Ufos
Vom drohenden Weltuntergang spricht Wittek gern und davon, dass nur ein kleiner Kreis wirklich Auserwählter gerettet werden kann. Von Ufos erzählen Menschen, die dem UL einmal nahe standen, und vom Außerirdischen Mairadi, der in der Anfangszeit einmal als Gabi gesprochen haben soll. Mairadi soll die Auserwählten in seine rettenden Ufos bergen, vorausgesetzt, sie haben die vierte Erleuchtungsstufe erreicht. Tatsache ist allerdings, dass die meisten der sogenannten Geschwister sich nicht aus der untersten Stufe, der sogenannten Ordnungsstufe, befreien können. So zumindest wird es ihnen immer wieder von Gabi und dem Führungszirkel im UL vorgehalten.

 

"Wer überwacht die sogenannte Prophetin?", fragt Aussteiger Volker Kempf. "Geschwister lassen sich mit vielerlei Verordnungen überwachen", schreibt er im offenen Brief an die ehemaligen Brüder und Schwestern im UL, "Wächter wachen über Betriebe und Häuser, die sogenannte Prophetin lässt lediglich ihr Anwesen bewachen. Vor wem hat sie Angst, wenn sie Gott doch schon so nahe ist?"

 

"Sie hatte schon immer eine Art Verfolgungswahn", vermutet Pius Wipfler, der von Gabi vor acht Jahren aus dem Universellen Leben gedrängt wurde. "Schon allein dies, dass sich Gabi absolut abschottet und hinter Mauern, Stacheldraht und Bodyguards versteckt, ja, dass nicht einmal eine Postadresse existiert, beweist mir, dass sie eine unvorstellbare Angst um ihr bisschen Leben hat", sagt er und erzählt von einer Verfolgungsjagd durch Würzburg, in der die Prophetin vor Anhängern aus der Schweiz, die nur mit ihr sprechen wollten, geflüchtet ist.

 

Damals wohnte Gabi noch in Würzburg in der Bergstraße, sie wurde vom Sektenzentrum in der Stadt nach Hause gefahren. "Es fuhr ein ausländischer Wagen hinter ihnen her und Gabi bekam es mit der Angst zu tun", erinnert sich Wipfler. Sie soll den Fahrer dazu aufgefordert haben, "die Verfolger abzuhängen", denn Gabi "glaubte, dass irgend jemand ihr auflauern würde, um sie von Ausländern umbringen zu lassen".

 

Über die sekteneigene Zeitung "Das Weisse Pferd" hat die Prophetin unlängst ihre Angst vor den Mordgelüsten Fremder grundsätzlich verbreiten lassen: "Sollten einige Urchristen hingemordet werden", so heißt es da, "haben sie sich nicht selbst das Leben genommen, sondern wurden getötet."

 

Wandlung zur selbstherrlichen Überfrau
Wipfler hat damals in Gabis Dienst dafür gesorgt, dass die Prophetin zu Hause vor Feinden sicher war. "Ich untersuchte die Gegend und stellte fest, dass sie vom Berghang aus gut beobachtet werden konnte, ja ihr Toilettentisch direkt am Fenster stand und somit per Zielfernrohr leicht aufs Korn genommen werden könnte. Das wurde sofort geändert."

 

Erst mit den Jahren habe sich Gabi zur selbstherrlichen Überfrau gewandelt, vermutet Wipfler. Noch immer ist er dankbar dafür, dass er ihr begegnet ist. In den ersten Jahren seien die Kundgebungen der Prophetin rein gewesen. Erst mit dem Ausbau des einstigen Heimholungswerks zum wirtschaftlichen Imperium sei der falsche Zungenschlag dazwischen gekommen.

 

Jahrelang haben Brüder und Schwester für den Ausbau der sogenannten Christusbetriebe geackert. Und nun soll das alles ohne Weisung der Prophetin geschehen sei?, fragt Wipfler. Sie selbst sei nicht verantwortlich für das, was in diesen Betrieben geschehe, hat sie in der Sekten-Zeitung "Das Weisse Pferd" im Januar 1998 mitteilen lassen. "Es ist ein Herausstehlen aus der Verantwortung, wenn du heute verkündest, dass du mit diesen Christusbetrieben rein gar nichts zu tun hättest", schreibt Wipfler im Januar vergangenen Jahres an "Frau Gabriele Wittek, Michelrieth-Altfeld". Bis heute wartet er vergeblich auf Antwort. Das Gesetz von Ursache und Wirkung, das Gabi so oft verkündet hat, könne auf sie zurückfallen, vermutet Wipfler. Sie sei stets "die Seele des Ganzen" und "die Mitte der Entscheidungsfindung" gewesen.

 

"Deine Ursache hat du damit gesetzt, dass schon früh in der Entwicklung des Werkes sogenannte Säuberungen stattfanden, in denen Geschwister mit relativ fadenscheinigen Behauptungen aus bestimmten Arbeitskreisen oder gar ganz aus dem Werk herausgeworfen wurden", schreibt Wipfler und beschreibt die Reaktion der Geschwister als "sprachlos " und "betroffen über die rigide Art der Beschlüsse". Doch weil jeder selbst Angst gehabt habe, es könne ihn selbst treffen, "stimmte man für den Ausschluss". So habe sich "eine Atmosphäre der Bespitzelung, der Überkontrolle und der Sklavenhaltung aufgebaut, die zu keiner freien Entscheidung mehr Luft ließ".

 

Wirtschaftsimperium mit frommen Sprüchen
"Wenn jemand glaubt, ein Wirtschaftsimperium aufbauen zu müssen, dann soll er das tun, aber ohne seinen Nächsten mit frommen Sprüchen zu ködern und ihn  dann für seine wirtschaftlichen Ziele einzuspannen", schreibt Aussteiger Volker Kempf in einem offenen Brief an die ehemaligen Geschwister im UL. Auch er erzählt davon, dass in der Anfangszeit des UL, das damals noch Heimholungswerk genannt wurde, eine anderer, menschlicherer Ton geherrscht habe. "Damals hieß es noch, man solle die Austretenden mit 'guten Gedanken' ziehen lassen." Warum", so fragt er, "werden Aussteiger wie ich heute verteufelt"?

 

Die Verpackung stimmt nicht mehr, glaubt Kempf, mit dem zusammen, was wirklich gelebt wird. Wo "Freiheit, Gleichheit", wo "Christus, freier Wille und Geschwisterlichkeit" versprochen wurde, fand man in Wirklichkeit "Machtstreben, Geltungssucht, Raffgier, Unfreiheit, Herrschsucht, Pein, Weh, Schmerz, Leid und Verwirrung".

 

In sogenannten Harmoniegesprächen werden unliebsame Brüder und Schwestern in die Mangel genommen. Und regelmäßig ist es Gabi, die am Ende das Machtwort spricht. Als man ihn aus dem UL drängte, "waren die Geschwister uneins, ich hielt ihren Argumenten stand", erinnert sich Wipfler. "Dann kamst du im 'Zelt Gottes' in unsere Runde", schreibt er an Wittek, "und warfst mir Behauptungen an den Kopf, die reine Lüge und pure Intrige waren, und du machtest einen Schlusspunkt deiner Tirade mit den Worten: 'Pius, du bist ein Versager'. Dann drehtest du dich um und gingst zu anderen Geschwistern, und meine Runde hielt den Daumen nach unten, und ich war entlassen."

 

Wer aussteigt oder rausgeworfen wird, hängt als Verräter am Schwarzen Brett, erinnert sich Aussteiger Volker Kempf. "Den Bund mit dem Vater im Himmel hat gebrochen", wurde über Abtrünnige geurteilt, dahinter stand der Name des Ausgeschiedenen.

 

"Möge die Liebe Gottes in dir erwachen, damit du das Steuer des Werkes aus und mit Liebe herumreissen kannst," schrieb Wipfler an Wittek vor mehr als einem Jahr. Doch seine Hoffnung auf eine Wandlung Gabis ist nicht mehr groß. Rückblickend ist er froh, so schreibt er, "dass ich durch deine Gewalt aus deiner Institution befreit wurde, denn erst dann fand ich zur inneren Stille zurück, die allen Geschwistern fehlt". Wer "von morgens um vier Uhr bis nachts um 24 Uhr immer auf Volldampf weltliche Arbeiten, Treffen, Gespräche, 'private Einsätze mit Berichtszwang' ablaufen" lasse, sei einfach eines Tages ausgepumpt und zu nichts mehr fähig.

 

Die Art des Rauswurfs schmerzt Wipfler noch immer. "Ich mußte in Stunden meine Wohnung räumen, ohne die Chance einer Kündigungszeit." Das Werk habe deshalb keine Erfolge mehr, vermutet Wipfler, "weil die Lieblosigkeit überhand nimmt, der Geltungsdrang einzelner immer stärkere Stilblüten treibt und sich Auflösungserscheinungen zeigen". Das Werk habe den Geist und die Spiritualität verloren, es sei wie die Kirchen "zu einer weltlichen Organisation geworden", schreibt er an Wittek.

 

Wenn Gabi wirklich hellsichtig wäre, hätte sie manches lieblose Wort nicht sprechen dürfen, sagt Wipfler. Leider sei sie "durch ihre hohe Intelligenz vielen Personen gewachsen". Für ihn ist sie allerdings mittlerweile "eine in den eigenen Argumenten und Vorgaben gefangene und auch befangene Person, die sich nicht mehr befreien kann". Deshalb sollte "sie vollständig zurücktreten und wieder eine normale Person werden".

 

Ele Schöfthaler