Selig sind die Sanftmütigen...
MAIN-POST vom 21. Februar 2004
Das Universelle Leben - Anspruch und Wirklichkeit
Von Chefredakteur Michael Reinhard
Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. So steht
es in der Bergpredigt. Von Sanftmut kann freilich bei den Anwälten, die für das
Universelle Leben (UL) arbeiten, nicht die Rede sein. Denn die Advokaten jener
Glaubensgemeinschaft aus dem Unterfränkischen, die nach den Grundsätzen der
Bergpredigt zu leben vorgibt, gehen rigoros gegen Kritiker vor.
Seit mehr
als zwei Jahrzehnten berichtet diese Zeitung über die so genannten Urchristen -
und ihre zahlreichen Prozesse. Ob Kirchen- oder Jägersmann, Bürgermeister,
Aussteiger oder Journalist - die Juristen des früheren Heimholungswerks bemühen
seit jeher die Gerichte gegen UL-kritische Zeitgenossen.
Die
Prozess-Neigung ist noch ausgeprägter, seit unsere Zeitung am 7. Oktober
vergangenen Jahres anlässlich des 70. Geburtstags der "Prophetin" Gabriele
Wittek über ihre Rolle innerhalb des UL berichtet hat. Diese Berichterstattung
hat die Gründerin der international tätigen Glaubensgruppierung offenbar derart
erbost, dass sie über Internet ankündigte: "Ich werde fortan Anwälte
losschicken, um die falschen Behauptungen eines mittelalterlichen Regimes aus
der Welt zu schaffen".
Getreu dieser Devise wollte die vom
UL-Pressesprecher und Rechtsanwalt Dr. Christian Sailer vertretene "Lebe Gesund
Steinmühlenbrot GmbH" beispielsweise dem Bayerischen Rundfunk (BR) die
Ausstrahlung des Fernsehbeitrags "Seelenfang per Biobrötchen" Anfang des Monats
verbieten lassen. Doch die Richter das Landgerichts Hamburg sahen keinen Grund,
die aufschlussreiche "Reportage am Sonntag" per Einstweiliger Verfügung aus dem
Programm zu kippen. Ihr Begründung: "Die Tatsache, dass die Antragsgegnerin (BR)
in der Vergangenheit kritisch über das UL berichtet haben mag, indiziert nicht,
dass eine unzulässige Berichterstattung droht. Die Antragstellerin nimmt als
Wirtschaftsunternehmen am öffentlichen Leben teil und muss sich daher einer
zulässigen kritischen Berichterstattung stellen."
Unsere Zeitung hat in
einem Bericht vom 6. Dezember die Verflechtung von Geld und Glaube beim UL
aufgezeigt. Dagegen wollte der Verein "Universelles Leben e.V." im Wege einer
Einstweiligen Verfügung eine Gegendarstellung erwirken. Mit Beschlüssen vom 18.
Dezember und 21. Januar wiesen Landgericht Würzburg und Oberlandesgericht
Bamberg dieses Ansinnen zurück.
Das UL zieht aber nicht nur regelmäßig
die als Einschüchterung gedachte gerichtliche Karte. Parallel dazu versuchen die
Macher an der Spitze der Glaubensvereinigung missliebige Bürger, Organisationen
und Medien durch öffentliche Aktionen an den Pranger zu stellen. So wird in
Flugblättern gegen "die katholische MAIN-POST" polemisiert. Hinter dieser
Zeitung stehe ein "milliardenschwerer katholischer Kirchenkonzern". Das
Landgericht Würzburg schob diesem verunglimpfenden Unsinn einen Riegel vor. Die
Richter untersagten dem UL die genannten Behauptungen mit Beschluss vom 9.
Januar.
Es ist allerdings nicht davon auszugehen, dass derartige
juristische Niederlagen der UL-Führung die Lust am Prozessieren verderben
können. Denn die "Prophetin" und ihre Vertrauten lassen Entscheidungen deutscher
Gerichte nach bisherigen Erfahrungen nur dann als gerecht gelten, wenn sie - was
auch vorkommt - in ihrem Sinne ausfallen. Andernfalls sprechen die
"Christusfreunde" der Justiz die Unabhängigkeit ab.
Ungeachtet dessen
wird sich unsere Zeitung auch weiterhin nicht von gerichtlichen
Auseinandersetzungen und öffentlichen Beschimpfungen beeindrucken lassen. Wir
werden unseren aus dem Grundgesetz abgeleiteten Auftrag der Kritik- und
Kontrollfunktion wie bisher fair und sachkundig wahrnehmen. Zugleich müssen wir
uns aber gegen verleumderische Behauptungen im Zusammenhang mit unserem
Unternehmen und ehrabschneidenden Äußerungen gegenüber Mitarbeitern mit den
dafür verfügbaren juristischen und journalistischen Mitteln zur Wehr setzen.