Wie der Glaube Berge von Geld versetzt
MAIN-POST vom 6. Dezember 2003
Wächter und Betreuer kontrollieren ein ausgeklügeltes System verbundener "Christusbetriebe"
Von unserem Redaktionsmitglied Tilman Toepfer
WÜRZBURG/MARKTHEIDENFELD Cui bono - wem nützt es? Und wer beherrscht das Wirtschaftsgefüge der Glaubensgemeinschaft Universelles Leben (UL)? Gut zu Leben haben jedenfalls diejenigen, die das ausgeklügelte System miteinander verbundener "Christusbetriebe" kontrollieren.
"Gabi kommt auch dazu." Noch vor wenigen Jahren war sich Gabriele Wittek nicht zu schade, "Überdachbesprechungen" der so genannten Christusbetriebe zu leiten. Ein Wink der "Prophetin" regelte den Einsatz von Kapital und Menschen.
Protokolle für den UL-Führungskreis zeigen auf, wie sie "Problemgeschwister" in "Bewährungsbetriebe" versetzte und Modenschauen im Einkaufsland bis ins Detail regelte. Wie sie mahnte und abkanzelte, wenn einer seine Partnerschaft nicht "bereinigt" oder bei der Arbeit nicht ausreichend "verwirklicht" hatte. "Erwin du warst nachlässig."
Einst hatte die gebürtige Schwäbin auf die fränkische Scholle gerufen: "Handwerksbetriebe möchte Ich! Jeder Berufszweig ist willkommen!" Die Gutgläubigen folgten in Scharen und richteten ihr Leben danach aus, was ihre "Schwester" lehrte: "Mache jede Minute deines Tages fruchtbar und segensreich." Schnell mehrten sie Umsatz und Gewinn für die Betriebe und "das Werk".
"Erwecke das Helden- und Duldertum in deiner Seele, dann wirst du nie einem Menschen wehtun oder ihn verraten." Viele erkannte in dieser Lebensregel des UL den Versuch der moralischen Erpressung erst, nachdem sie hinter dem Deckmantel des Glaubens ein System der Ausbeutung und Entmündigung entdeckt hatten. Ehemalige "Urchristen" meldeten sich zuletzt vermehrt warnend zu Wort.
Das aber hört die UL-Chefin nicht gerne. Durch Anwälte lässt die öffentlichkeitsscheue 70-Jährige nun erklären, sie habe mit den wirtschaftlichen (Christus-) Betrieben nichts zu tun. Auch ihre engsten Vertrauten Harald Dohle und Dr. Gert-Joachim Hetzel wollen in dieser Zeitung nicht mehr lesen, dass sie es sind, die die "Worte aus Prophetenmund" in klingende Münze verwandeln - wie Wasser zu Wein.
Hat das UL wirklich keine Immobilien, keine Betriebe, keine Geschäfte, wie Wittek nun verkündet? Der Verein Universelles Leben e.V. selbst ist weder Inhaber noch Gesellschafter eines Gewerbebetriebes. Was aber nicht heißen soll, dass der "Sektenkonzern" nicht existiert, von dem andere Medien sprechen.
Ein Blick in Handels- und Vereinsregister zeigt, wie eng verflochten und wie zentral gesteuert das universelle Wirtschaftssystem tatsächlich ist. Was früher als "Vereinigte Christusbetriebe Holding GmbH" firmierte, nennt sich heute "CB Beteiligungsgesellschaft der Mitarbeiter GmbH" (Register-Nr. HRB 3900).
------------------------------
"Erwecke das Helden- und
Duldertum in deiner Seele, dann wirst du nie einem
Menschen wehtun oder ihn
verraten."
Lebensregel für
Urchristen
------------------------------
Der Name ändert nichts an der Funktion. Die Holding
kontrolliert wesentliche Unternehmen mittels Beherrschungs- und
Gewinnabführungsverträgen vollständig und ist Gesellschafter oder Kommanditist
von zig weiteren Firmen.
In den Chefetagen sitzen Vertraute der "Prophetin". Armin Grätzer zum Beispiel. Der ist nicht nur bei der CB der Geschäftsführer. Und bekanntlich verwaltet er auch das Geld auf den Konten der "Gabriele-Stiftung". Damit wird das Hunderte Hektar große "Friedensreich für Natur und Tiere" um Gut Greußenheim (Lkr. Würzburg) herum bezahlt.
Alleiniger Gesellschafter der CB Beteiligungsgesellschaft ist der Verein der Mitarbeiter in Christusbetrieben. Die Satzung verlangt linientreue Mitglieder. Wer aus der "Bundgemeinde" ausschert, der Führungsebene des UL also, verliert die Mitgliedschaft "ohne weitere Erklärungen". Gleiches lässt sich durch "Abwahl" in Betrieb oder Bundgemeinde organisieren.
An Schaltstellen von Macht und Geld sitzen die Männer, die der "Prophetin" Tag und Nacht nahe sein dürfen auf Gut Greußenheim. Gert-Joachim Hetzel zum Beispiel. Der ehemalige Richter aus dem Schwäbischen ist als Vollstrecker von Witteks Willen gefürchtet. Beim Verein der Mitarbeiter ist der Jurist "nur" Gründungsmitglied und Protokollant der Versammlungen, im Universellen Leben e.V. der Vorsitzende. Und in der Sophia-Stiftung-Verwaltungs GmbH (HRB 3894), die früher über die Holding herrschte, ist er einer der beiden Geschäftsführer.
"Schaffe Ordnung in deinem persönlichen Umfeld, dann funktioniert auch das Unternehmen." Das Wirtschaftssystem des UL folgt angeblich göttlichen Gesetzen. Die Ausrichtung danach verlangt überaus viel Disziplin, vor allem Unterordnung. Das wird kontrolliert.
Hetzel, Dohle und Grätzer waren von Anfang an drei wichtige "Wächter und Betreuer für geistige und wirtschaftliche Belange der Christusbetriebe", deren Liste dieser Zeitung vorliegt. Die wachen über die Einhaltung der Betriebsordnung und überprüfen, "dass Harmoniegespräche und keine Problemgespräche geführt werden". Ferner achten sie darauf, dass die Arbeitszeiten eingehalten werden und "die vereinbarten Leistungen erbracht werden".
Der wirtschaftliche Erfolg im Konzern hat also System. Ganz oben steht Wittek, die als Gottes Wille ausgibt, dass "Geschwister" sechs Tage die Woche arbeiten und am einzigen freien Tag, dem Sabbat, "bereinigen", um sich am Montag wieder voll auf ihre Arbeit konzentrieren zu können. "Auch die geringste Arbeit muss einen wahren Urchristen begeistern", fordern die Lebensregeln. Und die wenigen Tage Urlaub sollen für Schulungen genutzt werden, wenn nicht zum "Bienen", wie untergeordnete Tätigkeiten in anderen Betrieben genannt werden.
Die, die in schweren Limousinen fahren oder gefahren werden, predigen Genügsamkeit. "Denn Gott ist die Fülle und gibt dem, der nicht begehrt." Besonders verpönt ist ihnen Arbeitnehmer-Mentalität. Und wer "während der Arbeit wegdenkt hin zu dem, was seine Wunschwelt an Besitzen-, Sein- und Habenwollen füllt, zu Urlaub, Flirt und dergleichen, der schädigt das Energievolumen des Betriebes".
------------------------------
"Denn Gott gibt dem, der
nicht begehrt"
Wort aus
Prophetenmund
------------------------------
So gedeiht das "Große Ganze" - vom "Einkaufsland Alles für Alle" in Marktheidenfeld-Altfeld über die Marktstände bis zu den rund 20 Lebe-Gesund-Geschäften und Verkaufsstellen in Städten Süddeutschlands. Überall dort, wo genügsame "Urchristen" freundlich Brot und Aufstrich "aus friedfertigem Landbau" verkaufen, versetzt der Glaube Berge - von Geld. Cui bono?