Zurück   Sie befinden sich hier: Aktuelles > Die Prophetin lässt klagen

Die "Prophetin" lässt klagen

MAIN-POST vom 12. November 2003 

 

Universelles Leben geht gegen MAIN-POST und Bayerischen Rundfunk vor


Von unserem Redaktionsmitglied Tilman Toepfer 

 

WÜRZBURG/GREUSSENHEIM Das "Werk der Nächstenliebe" lässt Anwälte aufmarschieren. Den "Christusfreunden" der Glaubensgemeinschaft Universelles Leben (UL) passt die Berichterstattung von MAIN-POST und Bayerischem Rundfunk nicht. Die "Prophetin" hat ihre Anhänger zu den Juristen geschickt, "um die falschen Behauptungen eines mittelalterlichen Regimes aus der Welt zu schaffen".

 

Der Artikel anlässlich des 70. Geburtstags von Gabriele Wittek Anfang Oktober gab den Ausschlag. "Das Maß ist voll - der Krug ging lange genug zum Brunnen", verkündet die "Prophetin" in einer Botschaft an ihre "Geschwister". Wittek zieht gegen die "ganze schwarze Kolonne der Intoleranz und Meinungsmache" vom Leder. Im Visier hat sie "konfessionelle Falschmünzer", "kirchlich indoktrinierte Politiker, Richter und Journalisten", die durch "ihr bösartiges Treiben" das "göttliche Lehrwerk" und sie selber, "Gottes Instrument", verleumden und diskriminieren würden.

 

Wittek ruft "alle wahren Urchristen" auf, über Anwälte die Gerichte anzurufen. Ihre Botschaft ist prompt erhört worden. Wenige Tage später sind bei der MAIN-POST mehrere Schreiben der Rechtsanwälte Wanke & Rothe aus Radolfszell am Bodensee eingegangen. Die vertreten Gabriele Wittek und fünf Firmen unter der Regie von UL-Anhängern und fordern namens ihrer Mandanten Unterlassung, Schadensersatz, Schmerzensgeld und Auskunft.

 

Die Liste ihrer Begehrlichkeiten ist lang. Zwei Dinge stehen im Vordergrund. Die Leiter der "Christusbetriebe" wollen nicht mehr lesen, dass Aussteiger aus dem "System UL" von Entmündigung, Angst und Ausbeutung berichten. Die "Prophetin" will der MAIN-POST die "Behauptung" verbieten lassen, sie, Wittek, halte die Fäden im so genannten Christusstaat noch fest in der Hand. Ihre Anwälte schreiben, Frau Wittek habe mit den wirtschaftlichen Betrieben nichts zu tun. Und weiter: Das UL besitze gar keine Wirtschaftsbetriebe und sei nicht an solchen beteiligt. Glaubensgemeinschaft und Prophetin lebten allein von Spenden.

 

Vor diesem Hintergrund wird klar, warum sich die "Christusbetriebe" dieses Mal von einem Anwalt aus dem Schwäbischen vertreten lassen. Denn der gewiefte UL-Hausjurist Dr. Christian Sailer, den sie sonst bemühen, ist in Personalunion Pressesprecher des UL.

 

Für Menschen, die das System des UL von innen kennen gelernt haben, ist auch die Spenden-These eine Mär. Sie erinnern sich nämlich noch an Gegenteiliges aus den UL-Schulungen. Da sei die Rede davon gewesen, vom Gewinn eines Christusbetriebes gehe idealerweise ein Drittel an den geistigen Zweig des UL, ein Drittel werde an Betriebsangehörige ausgeschüttet, ein Drittel wieder investiert.

 

Der MAIN-POST liegt zudem das Schaubild aus einer UL-Publikation früherer Jahre vor, das "Christusbetriebe" und "Erziehungswesen" sehr wohl und dem Dach "Universelles Leben weltweit" vereint. Wenn heute die Dinge anders dargestellt werden, deckt sich das mit der Erkenntnis, dass gravierende Richtungswechsel in der UL-Lehre nicht schwierig zu bewerkstelligen sind. Denn aus "Prophetenmund" lässt sich jederzeit ein neuer "Wille Gottes" verkünden.

 

Aufschlussreich ist ein weiterer Umstand. Zahlreiche dieser von der "Prophetin" formal unabhängigen Betriebe kündigten als Folge der Berichterstattung binnen weniger Tage ihr MAIN-POST-Abonnement - mit weitgehend deckungsgleichen Begründungen.

 

Auch der Bayerische Rundfunk (BR) bekommt in diesen Tagen die Auswirkungen des Donnerwetters von Gabriele Wittek wider die "schwarze Kolonne" zu spüren. Diesmal ist Hausjurist und Pressesprecher Christian Sailer für das Universelle Leben e.V. und die Lebe Gesund Steinmühlen-Brot GmbH tätig. Mitte Oktober stellte er Antrag auf Erlass einer Einstweiligen Verfügung "wegen Unterlassung rufschädigender Äußerungen". Der BR soll nicht mehr von falschen Propheten, einem Ausnützungssystem und einer bedrohlichen Psychogruppe berichten dürfen.

 

Auch BR-Intendant Dr. Thomas Gruber bekam Post von Sailer. Der UL-Jurist klagt über eine frühere Fernsehsendung des Münchner Senders "mit ausgesprochenem Hetzcharakter" und schimpft auf Kirchenfunktionäre und "willfährige Journalisten". Deswegen hätten Vetreter der Firma Lebe Gesund einem kürzlich angereisten BR-Team Interview und Dreherlaubnis verweigert.

 

Das Fernsehteam fuhr zum Hofgut Greußenheim, wo die "Prophetin" mit Führungskräften der Gemeinschaft leben soll - und kam vom Regen in die Traufe. Bei den Dreharbeiten von öffentlichem Grund aus wurden die BR-Leute von den "Christusfreunden" mit Wasser bespritzt. Hettstadts Bürgermeister Eberhard Götz (SPD) zeigte damals den Leuten vom BR das Gelände und ist immer noch entrüstet, wie die "schwarze" BR-Kolonne und der rote Bürgermeister "nass gemacht" wurden.

 

Der Beitrag des Bayerischen Rundfunks sollte Anfang November gesendet werden. BR-Sprecher Rudi Küffner bestätigt, dass er verschoben worden ist. Man habe die Notwendigkeit weiterer Recherchen über das UL gesehen. "Aber der Beitrag ist mitnichten abgesetzt."

Zurück   Nach oben