Vor Wölfen im Schafspelz gewarnt
MAIN-POST vom 22. November 2002
Tierschützer gehen auf Distanz zum "Universellen Leben"
Von unserem Redaktionsmitglied Tilman Toepfer
WÜRZBURG Organisationen der Tierrechtsbewegung sprechen von Unterwanderung
und ziehen einen klaren Trennungsstrich zur in Würzburg und Umgebung ansässigen
Glaubensgemeinschaft "Universelles Leben" (UL).
Seit Jahren engagieren sich die Anhänger der "Prophetin" Gabriele Wittek in der Tierrechtsbewegung, in Initiativen also, die sich dem Tierschutz, dem Vegetarismus und der Abschaffung der Jagd verschrieben haben.
Die Christusfreunde, wie sich die UL-Anhänger selber nennen, haben um Gut Greußenheim (Lkr. Würzburg) Hunderte Hektar Land gekauft mit dem erklärten Ziel, dort ihr "Friedensreich für Natur und Tiere" zu errichten. Jagdpächter, die im UL-Jargon "Lusttöter" und "hinterlistige Beutefänger" heißen, berichteten wiederholt, sie seien an der Ausübung ihres Hobbys gehindert worden.
Die dem UL nahe stehende "Initiative zur Abschaffung der Jagd" sorgte bundesweit für Aufsehen. Anfang August veranstaltete sie in Berlin das Symposion "Natur ohne Jagd". Die eifrigen Jagdgegner versammeln sich regelmäßig am ersten Samstag im Monat in Berlin auf dem Kurfürstendamm, um zum Halali auf die "Lusttöter" zu blasen und "den feigen Mord" an den Tieren anzuprangern.
Die Tierrechts- und Tierschutzszene und auch einige Naturschutzverbände klatschten zunächst Beifall und veröffentlichten die Termine der Anti-Jagd-Initiative in Pressediensten und im Internet. Warnungen von Personen, die im UL eine Sekte mit totalitären Zügen und problematischen Lehren sehen, fanden kaum Gehör.
Jetzt hat sich der Wind gedreht. Ein Team des Tierrechtsmagazins "Voice", das vierteljährlich in Offenbach erscheint, veröffentlichte in seiner Oktober-Ausgabe eine lesenswerte Reportage über das UL unter dem Titel: "Eine Gefahr für die Tierechtsbewegung?" Neben der Geschichte des UL und dessen "Prophetin" Gabriele Wittek informiert die Titel-Story über das - so "Voice" - "teilweise antisemitische und faschistische" Gedankengut des UL.
Aussteiger, die das UL aus eigener Erfahrung kennen, warnen vor dem Einstieg. Der Gemeinschaft gehe es vor allem darum, unter engagierten, von Idealen beseelten Personen neue Anhänger zu rekrutieren. Die würden in den so genannten Christusbetrieben seelisch erpresst und wirtschaftlich ausgebeutet. Auch "Voice"-Herausgeber Andreas Hochhaus ist mittlerweile überzeugt, die "Sekte" nütze die zahlreichen Agrarskandale wie BSE, MKS und Schweinepest oder auch Diskussionen um die Jagd oder die Reform der Legehennenverordnung, um unter der Fahne Tierschutz zu segeln.
Auf dem "Voice"-Cover der Ausgabe Oktober ist ein mit dem Emblem der Sekte versehenes Sweatshirt zu sehen, dessen Reißverschluss halb geöffnet ist. Dahinter kommt ein Hakenkreuz zum Vorschein. "Die künstlerisch dargestellte Verbindung zwischen dem Universellen Leben und Faschismus und Tierausbeutung wird an zahlreichen Stellen des Berichtes deutlich", erklärt Herausgeber Hochhaus. Die Darstellung des verbotenen Symbols zu Dokumentationszwecken im Rahmen einer Kritik sei durch Artikel 5 des Grundgesetzes gedeckt, meint Hochhaus.
Das sieht das Landgericht Hamburg anders. UL-Anwalt Dr. Christian Sailer hat eine Einstweilige Verfügung gegen das "Voice"-Cover mit Hakenkreuz erwirkt. Sailer spricht von Schmähkritik. Das Gericht sei seiner Einlassung gefolgt, dass es keinerlei Verbindungen des UL zum Nationalsozialismus gebe.
Andreas Hochhaus zeigt sich jedoch zufrieden, dass UL-Jurist Sailer "mit keinem Wort den Bericht selbst beanstandet hat", wohl deswegen, weil er sich keine Erfolgsaussichten ausrechne. Sailer entgegnet, es sei schwierig, gegen "Wertungen" juristisch vorzugehen, wie sie im "Voice"-Artikel stehen.
Die Tierrechtsinitiative "Maqi" warnt schon seit geraumer Zeit vor einer Unterwanderung der Tierrechts-Szene. Die Produkte der UL-Firmen "Gut zum Leben" oder Lebe-gesund-Versand" würden als Trojanisches Pferd benutzt, um Menschen zu ködern, die den Konsum von "Tierqualprodukten" ablehnten. Achim Stößer von "Maqi" sagt deutlich: "Ein faschistoides Weltbild wie das des UL ist mit Tierrechten nicht zu vereinbaren." Viele sähen nur die vermeintlich leidfreien Lebensmittel der UL-Firmen und die kostenlos verteilten Broschüren gegen die Jagd, aber nicht das, was dahinter steckt. Von Wölfen im Schafspelz ist die Rede.
Christusfreund Sailer nennt das "blanke Hysterie" und erklärt das Verhalten von "Voice" und "Maqi" so: Kirchenfunktionäre - Sailer spricht regelmäßig von Verleumdungsbeauftragten - hätten die "recht freundschaftlichen" Beziehungen unter den Tierschützern gestört und Unfrieden gestiftet. Sailer fragt: "Darf man sich nicht für Tierschutz einsetzen, weil mal einer Glaubensgemeinschaft nahe steht, die den Amtskirchen missfällt?"