Wenn außer Frustration nichts mehr übrig ist
MAIN-POST vom 10. Juli 2001
Netzwerk plant Spendenfonds für mittellose UL-Aussteiger
Von unserem Redaktionsmitglied Gerlinde Hartel
MARKTHEIDENFELD "Trotz des Ministerjobs" will sich Eberhard Sinner nicht aus einem Thema zurückziehen, das ihm "seit Jahren am Herzen liegt": Wie man Menschen, die der umstrittenen Glaubensgemeinschaft Universelles Leben (UL) den Rücken kehren, helfen kann.
Mit 100 bis 200 Aussteigewilligen ist nach Ansicht ehemaliger UL-Anhänger im Verlauf des kommenden Jahres zu rechnen. Nachdem "Prophetin" Gabriele Wittek Ende letzten Jahres mit der Bundgemeinde "abgerechnet" habe und "jetzt noch 120 Singles zum engeren Kreis gehören", habe sich das Potenzial der Frustrierten und Ausstiegswilligen erhöht. Viele würden "regelrecht rausgemobbt". Diesen Menschen praktische Hilfestellung zu bieten ist das erklärte Ziel des "Netzwerks Universelles Leben", das sich am Montag in Marktheidenfeld (Lkr. Main-Spessart) zu einem Runden Tisch traf.
"Wenn jemand über Jahre beim UL war, hat er einige Klippen zu überwinden,
wenn er wieder Fuß fassen will", weiß Bayerns
Verbraucherschutzminister
Eberhard Sinner (Lohr). Wie eine Hilfestellung aussehen könnte, diskutierte
Sinner mit vier ehemaligen UL-Anhängern, dem Würzburger Landrat Waldemar Zorn
(Hettstadt), dem stellvertretenden Main-Spessart-Landrat Roland Metz (Arnstein),
dem Sektenbeauftragten der Diözese Würzburg, Alfred Singer, dem Leiter der
Caritas-Aidsberatungsstelle Unterfranken, Alfred Spall, dem evangelischen
Pfarrer Michael Fragner (Reichenberg) und dem Würzburger Rechtsanwalt Ulrich
Heidenreich.
Vor allem ältere Arbeitnehmer, die ihr Geld und ihre Kraft in einen UL-Betrieb investiert haben, würden oft aus nichtigem Anlass abgeschoben, wusste Landrat Zorn. Er nannte das Beispiel eines Mannes, der sein gesamtes Vermögen in die Glaubensgemeinschaft eingebracht habe, dann nicht in ein UL-Altenheim aufgenommen wurde und schließlich "ein Fall für die Sozialhilfe" wurde.
Diplom-Psychologe Alfred Spall wies auf die psychischen Probleme von "Gescheiterten" hin. Gruppendynamik und Heilserwartung seien beim UL so hoch, dass ein Scheitern geradezu zwangsläufige Folge sei. Sektenbeauftragter Alfred Singer, für den das Universelle Leben "auch ein Verbraucherschutzthema" ist, bot für Notfälle, beispielsweise wenn es um Fragen der Unterbringung geht, kirchliche Kapazitäten an.
Dass oft auch juristischer Beistand notwendig sei, beispielsweise bei Arbeitsgerichts-Prozessen, betonte Rechtsanwalt Ulrich Heidenreich. "Solche Auseinandersetzungen kosten Geld, das Aussteiger meistens nicht haben."
Landrat Zorn regte an, einen Spendenfonds für mittellose UL-Aussteiger einzurichten. Ein solches Hilfskonto dürfe aber keinesfalls auf kirchlicher Basis laufen, meinte Sinner und schlug die Anbindung an eine Hilfsorganisation wie etwa das BRK vor. Sinner: "Es ist wichtig, ein neutrales Gesicht zu wahren." Der Minister will nun prüfen lassen, "wer so etwas machen kann".
Als erste Anlaufstelle wollen ehemalige UL-Anhänger fungieren, die aber namentlich nicht in der Öffentlichkeit genannt werden wollen. Weil man keine "Feindbilder" schaffen will. Informationen und Anlaufstellen gibt es auch unter der Internetadresse www.michelrieth.de, die von Pfarrer Michael Fragner eingerichtet wurde.