Scharmützel um das Friedensreich
MAIN-POST vom 26. Mai 2001
"Universelles Leben" will mehrere Hundert Hektar Land kaufen
Von unserem Redaktionsmitglied Tilman Toepfer
HETTSTADT/GREUSSENHEIM Ihr Wille geschieht, wo Menschen an sie glauben. Gabriele Wittek, in der Anhänger der Glaubensgemeinschaft "Universelles Leben" (UL) eine Prophetin sehen, macht sich daran, vor den Toren Würzburgs ein "Werk der Nächstenliebe an Natur und Tieren" aufzubauen. Zig Hektar Land sind gekauft, Hunderte Hektar sollen es werden. Geld spielt offensichtlich keine Rolle.
Die Zeitschrift "Das Friedensreich" bereitete Ende vergangenen Jahres die Anhänger der umstrittenen Glaubensgemeinschaft auf tief greifende Veränderungen im "Universellen Leben" vor. Gabriele Wittek, nach eigenem Verständnis "Sprachrohr Gottes", rechnete mit "Unchristen" unter ihren Gefolgsleuten ab, mit denen sie nicht zufrieden war. Dann berichtete sie, Gott habe nun einen "Bund mit den Tieren und der ganzen Natur" geschlossen.
Eine "Gabriele-Stiftung" soll die finanzielle Grundlage bilden, um "Hunderte Hektar" Land zu kaufen: Wiesen, Felder und Wälder. Armin Grätzer, der beim UL die Finanzen managt, hat Zugriff auf die Konten der Stiftung überall in Europa, auf denen die "Gaben der Nächstenliebe" eingehen.
Eine Hochglanz-Broschüre erläutert: Mit dem "Saamlinischen Werk" solle wieder gut gemacht werden, "was Menschen seit Jahrtausenden den Tieren und der Natur angetan haben". Die Verfasser erwecken Abscheu vor "grenzenlosen Auswüchsen des Tierkannibalismus" - Massentierhaltung und -schlachtung - und brandmarken Jäger als "hinterlistige Beutefänger". Vor solchen "erbarmungslosen Menschen" will "Schwester Gabriele" künftig "Bruder Hase" und "Geschwister Rehkitz" bewahren.
Das geht nur, wenn "friedvoller" Lebensraum für Tiere geschaffen wird. Viel Lebensraum.
Die Aufkäufer sind unterwegs. Sie waren erfolgreicher, als vielen lieb ist, die im UL eine totalitäre Sekte mit Absolutheitsanspruch sehen, die den einzelnen Menschen entmündigt.
Die Aufkäufer haben mehr zu bieten als die drei Mark, die bisher für den Quadratmeter mittlerer Bonität gezahlt wurden. Mehr als 25 Hektar Ackerland in Hettstadts Flur hat das von UL-Anhängern geführte Gut Greußenheim (Lkr. Würzburg) in den vergangenen Monaten von Privatleuten gekauft, wissen Insider.
Auf Greußenheimer Gemarkung summieren sich Feld- und Waldflächen, die in die Hände von UL-Anhängern wechselten, auf 20 bis 100 Hektar, ist im Dorf zu hören. In Birkenfeld und Billingshausen (Lkr. Main-Spessart) wechselten durch universelle Landnahme 43 Hektar den Eigentümer. Auch in Leinach kaufen Anhänger Witteks jeden Quadratmeter, den sie bekommen können, bestätigt ein Anruf im Rathaus. Zusätzlich haben "Christusfreunde" vom UL beträchtliche Flächen langfristig gepachtet.
"Millionen zum Nutzen aller Bürger einsetzen"
Dr. Gert-Joachim Hetzel
Rechtsanwalt im UL
Dass damit der Landhunger nicht gestillt ist, beweist ein Angebot, das Dr. Gert-Joachim Hetzel den Hettstadtern unterbreitete. Der Rechtsanwalt, der die Interessen von UL-Mandanten vertritt, bot 4,5 Millionen Mark für rund 60 Hektar (600 000 Quadratmeter) Wald unweit des Gutes Greußenheim, den "Tännig".
Das ist ein Vielfaches des materiellen Wertes. Regelmäßig wird nämlich in Hettstadt für den Quadratmeter Wald nur eine Mark erzielt. Jurist Hetzel lockte: "Selbst wenn die Gemeinde sich im Falle eines Verkaufes Ersatzwald beschaffen würde, blieben immer noch Millionen übrig, die bei der seit langem anstehenden Altort-Sanierung sinnvoll zum Nutzen aller Bürger eingesetzt werden könnten."
Doch die Vertreter der Bürger waren sich einig: Der Gemeindewald ist unverkäuflich.
Zu den Fakten kommen Spekulationen. Mit einem Schlag kämen 300 Hektar für das "Friedensreich" zusammen, wenn es gelänge, den Hettstadter Hof zu kaufen. Doch der Eigentümer, Albrecht Freiherr Groß von Trockau, denkt nicht daran, sich von dem Hofgut zu trennen. Das beteuern die Verwalter Robert Reitzle (Hettstadt) und Karl Niklas (Baar/Schwaben). Es liege ja nicht einmal ein Angebot vor, sagt Niklas.
"Selig sind die Sanftmütigen", predigt die "Prophetin". Ihre Anwälte befleißigen sich eines anderen Tons. Anwalt Hetzel purzeln schon mal Polemiken aufs Papier, wenn es sich bei dem Adressaten aus Hettstadt um einen der "hinterlistigen Beutefänger" handelt, einen Jagdpächter also. Seine Mandanten auf Gut Greußenheim hätten nächtens Geschosse pfeifen und Gewehre knallen hören, es werde offensichtlich verbotenerweise mit Nachtsicht-Geräten gejagt beziehungsweise im fremden Revier gewildert. Letzteres schlössen seine Mandanten auch daraus, schreibt der Anwalt, dass die Jagdpächter "direkt an unserer Jagdgrenze" einen "Wachturm" errichtet haben, der, wie Hetzel stichelt, "entweder unmittelbar von den Grenzanlagen der ehemaligen DDR-Todesgrenze stammt oder einen detailgetreuen Nachbau darstellt". Die Jäger wollten die "Grenzschießanlage" wohl benutzen, um jede Bewegung auf Gut Greußenheim zu kontrollieren, zu registrieren und weiter zu melden.
Haben die "Urchristen" auf Gut Greußenheim etwas zu verbergen? Als sicher kann gelten, dass "Schwester Gabriele", wie die "Geschwister" Frau Wittek nennen, zumindest zeitweise auf dem Hofgut lebt. Sie scheut die Öffentlichkeit, gleiches gilt für die kleine Schar der führenden Köpfe der Glaubensgemeinschaft.
Die Gefolgsleute der "Prophetin" ließen den anwaltlichen Worten Taten folgen. Nur wenige Meter neben dem Hochsitz der Hettstadter Jagdpächter stellten sie ihrerseits einen Hochsitz hin, versehen mit einer elektronischen Kamera.
Wenn nun Hettstadts Jäger ihre Hochsitze erklimmen, um die Keiler und Bachen zu dezimieren, die auf den Feldern schon viel Schäden angerichtet haben, bleibt das deren erklärten "Beschützern" nicht verborgen.
In Geländewagen schwärmen die "Urchristen" von Gut Greußenheim aus und lärmen kräftig, um ihre borstigen Geschwister zu warnen. Scharmützel um das Friedensreich.